Immer wieder fällt mir auf, wie leidenschaftlich im Elternbereich diskutiert wird. Wobei man das nicht immer diskutieren nennen kann. Manchmal habe ich das Gefühl, Meinung aufdrängen, überzeugen oder den anderen schlecht machen, trifft es eher. Viele stört es, aber irgendwie ist es fast Normalität, vor allem auf den sozialen Medien. Handelt es sich dann noch um besonders leidenschaftliche Themen, wie derzeit mal wieder „Kinderfotos im Netz“ ist die Erziehung direkt vergessen und es wird munter beleidigt. Andere Meinungen werden erst gar nicht akzeptiert, der Gegenüber ist eben einfach doof, versteht nicht, will nicht verstehen, handelt fahrlässig oder ist geistig leider nicht in der Lage an der Diskussion teilzunehmen (Mein „schönster“ Vorwurf an mich in letzter Zeit). Warum ist das so?

Immer wieder rede ich mit anderen Bloggern oder Eltern und nach und nach hat sich da so eine Theorie bei mir ergeben. Lasst mich gern wissen, was ihr davon haltet: Elternsein ist dank aller verfügbarer Medien nicht gerade leichter geworden. Es herrscht fast ein Überangebot an Informationen. Das beginnt schon in der Schwangerschaft und setzt sich fort: Wie erziehe ich mein Kind? Oder begleite ich es. Tragen, Kinderwagen, impfen nicht impfen, stillen, wie lange stillen, Familienbett, Kita ab einem Jahr, breifrei…. die Liste ist endlos an potentiell eskalierenden Themen.

Immer dran denken: Niemand möchte absichtlich seinem Kind schaden

Was in vielen Diskussionen vergessen wird: Niemand möchte etwas Schlechtes für sein Kind. Wir alle entscheiden aus unsere eigenen Erziehung heraus, aus dem was wir lesen, aus dem was sich gut und passend für uns anfühlt. Leider wird aber oft unterstellt, dass der gewählte Weg falsch sei und man sein Kind potentiell gefährdet. Schon mal totaler Schwachsinn. Niemand, der zB sein Kind im Internet zeigt, sagt sich: Ach soll doch der Mann mit den komischen Neigungen kommen, mir egal. Niemand, der sein Kind ins eigene Bett legt denkt sich, ach soll das Baby doch am plötzlichen Kindestod sterben, Hauptsache ich schlafe gut. Ihr versteht?

Zurück zu meiner Theorie: Nun hat man sich also im Laufe der Zeit für seine Erziehungsrichtung entschieden und es sich bestimmt nicht leicht gemacht. Wir alle kommen an unsere Grenzen, testen uns aus, lernen dazu und ändern eventuell den Weg, der früher noch passend erschien. Und dann kommt jemand von aussen und sagt: Nenene du Blödi, weißt du denn nicht, dass das nicht gut ist? Du schadest deinem Kind! Schon mal per se kein guter Ausgangspunkt für eine vernünftige Diskussion. Nun hat man sich aber entschieden für seinen Weg und der passt ganz gut, denn er passt exakt auf die eigene Familie.

Immer daran denken: Familie ist höchst individuell

Was nämlich auch vergessen wird „von der anderen Seite“ neben der Unterstellung, man handle wissentlich fahrlässig: Es muss für die eigene Familie passen, nicht für die Familie des Gegenüber. Familien sind so individuell, so unterschiedlich und einzigartig, wie könnten wir uns anmaßen, unseren Weg auf sie zu projizieren. Wir müssen es nicht mal verstehen, denn es ist nicht unsere Familie. Wenn sich also unser Gegenüber gegen das Familienbett ausspricht, dann können wir das doof finden, können super Argumente dafür liefern, und trotzdem bleibt es seine Entscheidung.

Merkt ihr, was ich meine? Den eigenen Weg zu finden ist nicht leicht, also wird er verteidigt, gegen Außenstehende, die es vermeidlich besser wissen. Denn ganz oft spielt noch das schlechte Gewissen eine entscheidende Rolle. Wir sind vielleicht nicht hundertprozentig gefestigt, haben gerade selbst Zweifel und werden dann von außen angegriffen. Natürlich verteidigen wir uns und unsere Familie.

Was hilft bei emotionalen Themen: Respekt und das akzeptieren anderer Meinungen, auch wenn sie einem noch so falsch vorkommen

Was macht also Sinn? In erster Linie sollte man sich fragen, ob der andere um eine Meinung gebeten hat. Übrigens finde ich es wenig überzeugend zu sagen: Na die steht doch in der Öffentlichkeit, dann muss sie damit klar kommen, sie hat schließlich eine Vorbildfunktion und viele Leser hinter sich. Joa, nichtsdestotrotz macht es immer der Ton. Werde ich direkt persönlich beleidigt, höre ich nicht mehr zu. Erklärt mir jemand gerade heraus, was ich gerade wieder falsch mache und suggeriert mir, sein Weg wäre wesentlich klüger, durchdachter, umweltfreundlicher, besser für die Kinderseele, fällt es mir äußerst schwer, dies anzunehmen. Denn was tut mein gegenüber? Er greift mich an. Mich und meine Entscheidungen und unterstellt mir direkt, unreflektiert zu handeln. Und ja, das ist ein Sender-Empfänger Problem. „Nicht so gemeint“ oder „ist ja nur meine Meinung“ relativieren das auch nicht immer.

Familie ist leidenschaftlich, eine persönliche Entscheidung, ein Abwägen was passt, wie es gut läuft und sicher begleitet von Fehlentscheidungen. Wir alle wollen aber nur das Beste für unsere Familie. Wenn wir wollen, dass sich Gedanken, Handlungen in der Gesellschaft ändern, sollten wir immer daran denken: Eltern sind nicht unfehlbar, sie machen  Fehler, sie wollen nichts grundsätzlich Böses, man selbst hat die Weisheit nicht gepachtet und sollte sich nicht anmaßen, diese anderen aufzudrängen, nur weil sie für einen selbst perfekt passt.

Die Aufgabe sollte nicht sein, andere zu missionieren. Maximal kann ein Denkanstoß angeregt werden, muss aber nicht

Man darf auch nicht erwarten, dass man am Ende des Monologes, wo oft mit Vorwürfen und Unterstellungen nur so rumgeschleudert wird, der andere dankbar seine eigene Haltung überprüft und alles ändert. Eine Diskussion hat dies nicht als Ziel. Vielleicht können wir neue Aspekte einbringen, die den anderen zum Nachdenken animieren. Vielleicht nicht. Und das haben wir zu akzeptieren. Ich bin nicht da um zu missionieren, oder bekehrt zu werden. Wir sollten, sowohl im realen Leben, aber vor allem auf den sozialen Medien, nie den Respekt verlieren, auch wenn die Haltung uns komplett gegen den Strich geht. Selbst wenn wir nicht einen einzigen Gedanken nachvollziehen können. Wir werden uns nur weiter entwickeln, Themen voran treiben, die wichtig sind und Aufklärung leisten können, wenn wir alle daran denken, dass am anderen Ende ein Mensch sitzt, der sich sehr wohl in den meisten Fällen Gedanken macht über sein Handeln. Dass wir nicht da sind, um alles verstehen zu müssen, dass es vielleicht keine gemeinsame Lösung geben wird, aber ein Annähern. Dass wenn wir miteinander reden, ein dritter vielleicht etwas aus der Diskussion für sich mitnimmt, aber dass Vorwürfe nie dazu führen, dass ein anderer sich ändert. Schon gar nicht, wenn sie aus der vermeidlich besser wissenden Position vorgetragen wird. Denn wie schon erwähnt, Familie ist emotional, Entscheidungen sind nicht immer rational und höchst individuell. Wir können gar nicht alle gleich leben und die gleichen Entscheidungen treffen.

Gerade nach den letzten Wochen in denen ich mich mal wieder der, ich möchte es mal „Inquisition“ nennen,  gestellt habe, als es ums Thema „Kinderfotos im Netz“ ging, ist mir wieder bewusst geworden, WIE emotional Familien Themen sein können, wie niveaulos manche Menschen (die lesen das eh nicht) und wieviel Meinung man sich bilden kann, vor allem wenn man noch keine Kinder hat. Und ich möchte diese niemandem absprechen, ich glaube aber, der Blickwinkel verschiebt sich noch mal deutlich, wenn man selbst „betroffen“ ist und Kinder hat, als wenn man „nur“ eine Meinung zu dem Thema hat. Ich will heute keine erneute Diskussion entfachen zum Thema Kinderfotos. Ich bin ein wenig müde davon zu lesen, wie man Eltern nur mit Vorwürfen zuballert und ihnen eine Mitschuld an Mobbing oder Männern mit gewissen Neigungen gibt. Allein die Unterstellung…. Aber ich wiederhole mich.

Was mir auf dem Herzen liegt ist lediglich, dass auch ich in vielen Bereichen Handlungsbedarf sehe und auch ich nicht alle Entscheidungen nachvollziehen kann, die andere treffen. Aber dass wir immer daran denken, dass wir liebende Eltern sind, die möglichst nach bestem Gewissen handeln. Auch jemand der sein Kind nicht impft. So schwer es fallen mag, dies zu akzeptieren und so falsch wir diese Entscheidung empfinden. Vernünftiger Dialog mit Respekt und der Akzeptanz vor anderen Entscheidungen, würde uns in vielen wichtigen Themen sicher viel weiter bringen, als ein daher gesagtes „Man bist du blöd, du setzt mit Absicht deinem Kind unnötigen Gefahren aus, du bist Schuld!“

Familie fetzt ganz oft. Das Internet auch. Nur manchmal ist es etwas schwerer sich darin zu bewegen. Ich suche sie noch etwas, die Leichtigkeit und den Spaß, aber der kommt sicher wieder. Bis dahin, lieber einmal mehr einatmen, als wieder einen Vorwurf loszuschießen und ganz vielleicht einfach weiter klicken. Das kann auch schon helfen.

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Autor

Seit 2011 bin ich in die Welt der Mütter aufgenommen. Mittlerweile habe ich 3 Töchter und einen Sohn. Hier schreibt keine "typische" Mutter, die Haushalt und Familie mit links schmeißt, Modelmaße hat und nebenbei locker eine Karriere wuppt. Ich finde es okay, auch mal zu sagen "Ich bin müde! Der Mann nervt! Wir streiten öfter! Nein, ich backe, bastel und singe nicht 24 Stunden am Tag! Ja, ich mag Fast Food und ein Schnäpschen zwischendurch!" Aber auch die schönen Dinge kommen nicht zu kurz. Süße Sachen die ich im Netz finde, hilfreiche Tipps, anderes Lesenswerte und ganz viel ♥

7 Comments

  1. Super Artikel. Mir fällt das auch immer wieder auf. Gerade hatte ich ein Gespräch mit einer schwangeren Freundin darüber. Ihre erste Geburt war sehr traumatisch, dass heißt Mutter und Kind bekamen hohes Fieber und irgendwann waren die Herztöne des Baby’s weg. Was dann kam war der Notkaiserschnitt. Nun hat sie sich entschieden ihr zweites Kind per Wunschkaiserschnitt holen zu lassen. Wir haben darüber geredet, ich, auch gerade zum zweiten Mal schwanger, habe ihr ganz normal gesagt das es für mich nichts wäre, ich aber ihre Entscheidung vollkommen nachvollziehen kann. Eine andere Bekannte von ihr hat sie dafür allerdings fast schon beleidigt und total angegriffen. Das fand ich ziemlich traurig. Genauso ist es mit dem Thema stillen oder Flasche geben. Man kann es langsam wirklich nicht mehr hören. Soll doch jeder Kinder großziehen wie er möchte, solange immer gute Absichten dabei sind und es den Kindern gut geht ist doch alles in Ordnung.

  2. Ich bin absolut bei Dir. Nur bei einem nicht: das nicht impfen. Und das nur, weil diese Entscheidung auch meine Familie betreffen kann. Ich war innerhalb der ersten 6 Lebenswochen meiner Tochter ZWEI mal mit ihr stationär im Krankenhaus. Weil sie eben noch nicht geimpft war (weil es ja so früh nicht geht!) hatte ich sehr viel Angst um ihr Leben. Es ist alles gut gegangen, aber Impfgegner sind für mich weiterhin tabu. Und nicht geimpfte Kinder werden von mir aktiv (sofern bekannt & möglich) aus meinem Umfeld entfernt.

  3. Stephie Richter Reply

    Liebe Jette, Du hast so recht! Heute gibt es so viele verschiedene Ansätze u Ideen, dass man sich fast durchprobieren muss! Es ist toll, dass es kein Richtig/Falsch für alle mehr gibt, aber leicht ist das nicht. Ich finde, es kann nur funktionieren, was sich für mich richtig anfühlt, nicht was toll im Ratgeber klingt u das mag etwas ganz anderes sein, als bei meiner Freundin oder der Familie gegenüber.
    Schade ist, dass nicht einfach mal offen gefragt wird: warum macht ihr das so? Aber dann müsste man Interesse am Leben anderer haben u Verständnis riskieren😉 ich danke Dir für Deine Art, Deine Familie zu zeigen! Glg Stephie

    • Das ist eine sehr kluge Frage. Die sollte man stellen aber du hast leider recht. Dann müsste mein gegenüber an einer Antwort ja ernsthaft interessiert sein. Und da hört es ja direkt wieder auf bei vielen.

  4. Hier bei mir in der Provinz haben es ja nicht soviele Menschen mit Instagram bzw. wird dem ganzen nicht so eine hohe Bedeutung gegeben wie in den Großstädten Berlin und so. Ich habe in den ganzen Jahren seit ich Insta nutze in meinem Umfeld noch nie eine solche Diskussion miterlebt. Ich poste ein Foto von meinen Kindern und maximal meine Arbeitskollegen, Familienmitglieder oder Freunde sehen und liken das, was ich damit sagen will…… die extreme Größe die manche Insta Profile haben, führen dazu das immer eine neue Sau durchs virtuelle Dorf getrieben wird. Ich mag dein Insta Profil und deinen Blog eben weil du so herrlich normal bist und nicht so ein hochgepushter Account und du das normale Familienleben zeigst. Ich hoffe ich konnte mich verständlich ausdrücken und du verstehst was ich meine.

  5. Wie immer schön! Und ich frage mich „bin ich eigentlich eine schlechte Mutter“?…weil ich solche Diskussionen soooo furchtbar finde und ich mich sehr sehr ungern an solchen „Glaubensfragen“ beteilige, weil ich eben immer denke, dass jede/r nach bestem Wissen/Gewissem handelt und wir erstmal per Definition alle unsere Kinder lieben und das Beste für sie wollen. Oder bin ich doch zu naiv? Nö, leben und leben lassen.
    Ein sehr schöner Text von dir! Hoffe es lesen ihn auch die richtigen und fühlen sich auch mal angesprochen.
    Alles Liebe.
    Anne

  6. Ach Jette, schön auf den Punkt gebracht. Ihr seid meine liebste Insta-Familie, auch wenn ich meine Kinder nicht zeige. Es macht Spaß an Eurem Leben teilhaben zu dürfen! Danke!

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