Seit ich über meine Fehlgeburt geschrieben habe, erreichten mich unglaublich viele Nachrichten. Dass ich mutig sei, dass es wichtig sei, darüber öffentlich zu reden und dass man mir Kraft wünsche. Ebenso teilten viele Frauen ihre traurigen Geschichten mit mir und wie sie damit umgegangen sind. Natürlich bewirkt genau das ein Blogbeitrag über so ein Tabuthema und es ist auch wichtig, sich nicht allein zu fühlen. Ich war allerdings teilweise überfordert.

Viele Nachrichten erhielt ich privat, der Austausch fand also nur zwischen uns statt und so las ich von vielen traurigen Erlebnissen und mir fehlten die Worte. Ich hab nicht mal wirklich Worte für uns, wie soll ich sie da für andere finden? Auch wenn das niemand erwartet hat, so kann ich diese Schicksale nicht ausblenden und es nimmt noch mehr von der einstigen Leichtigkeit.

Wie gehe ich mit dieser Fehlgeburt um?

Oft las ich von Sternenkindern, von Abschied , von Beerdigung und sei es nur gedanklich. Und so sehr ich das nachvollziehen kann und jeder für sich einen Weg finden muss, mit der beendeten Schwangerschaft umzugehen, so sehr merke ich, dass mir diese Gedanken nicht behagen. Wir sind immer noch zu Fünft. Ich habe kein Kind im Himmel, weil es gedanklich und emotional für mich noch nicht soweit war. Es ist eher die schöne Vorstellung und das Träumen von der Zukunft, was nun weg ist und was ich vermisse. Es ist nicht das Kind, was nun im Himmel ist und von dort auf uns aufpasst. Vielleicht liegt das daran, dass ich nie ein Herz im Ultraschall schlagen sah. Ich denke bei „Sternenkindern“ aber auch grundsätzlich an ganz andere Schicksale. Die Fehlgeburt ist nicht weniger schmerzlich und sicher wird es um den Geburtstermin herum noch einmal schwer werden. Das Thema ist auch nicht abgehakt, aber es behagt mir mehr, es als Laune der Natur zu betrachten. Als ganz schön schlechte Laune.

„Wie geht es dir?“

Ich kann diese Frage nicht beantworten. Es fällt mir überhaupt schwer zu reden. Schreiben klappt besser. Ich bin traurig und enttäuscht. Ich halte mich von Themen rund um Schwangerschaft, vor allem frischen Schwangerschaften fern. Ich neide anderen Frauen ihr Glück nicht, möchte aber trotzdem nichts davon hören. Ich habe keine Lust auf Small Talk, bin lieber allein oder in der Masse unterwegs. Ich finde soziale Kontakte gerade unglaublich anstrengend. Keine Ahnung warum. Es hat mir niemand was getan oder doofe Sprüche gebracht. Ich glaube, ich schütze mich vor weiteren traurigen Geschichten und vor Tipps, wie ich diese Fehlgeburt verarbeiten soll. Ich habe selbst noch nicht richtig entschieden, wie wir damit umgehen, ich will auch niemandem vor den Kopf stoßen, der mir sagt, er hätte das bisschen von der Schwangerschaft vergraben, oder das Ultraschallbild eingerahmt oder sich einen Stern tätowiert. Ja, diese Fehlgeburt gehört zu unserer Geschichte, aber wie genau, das weiß ich noch nicht.

Der Mann denkt ähnlich wie ich. Etwas fehlt. Aber eher der wohlig schöne Gedanke an eine Zukunft zu sechst. Und irgendwie ist es wie eine kleine Kampfansage an die Natur: Aha, du hast also entschieden, dass diese Schwangerschaft enden soll, na dann jetzt erst recht!

Eins hat diese Erfahrung gebracht: War es vorher nur ein Gedankenspiel, sind wir uns unserer Gefühle gegenüber einem weiteren Kind nun sicherer. Das mindert nicht die Sorge. Die Unbeschwertheit aus den anderen Schwangerschaften wird wohl nie mehr zurück kehren. Leider. Wie wunderbar doch diese Sorglosigkeit ist. Aha, schwanger wunderbar, na dann mal los. Ich kenne mich und weiß, dass sollte ich noch einmal schwanger werden, ich immer denken werde: Aber die Frau hat geschrieben, sie hat das Kind in der 18. Woche verloren und der ist es auch zweimal hintereinander passiert und und und.

Was die Zukunft bringt? Mal sehen. Ich werde jetzt auch nicht anfangen, meinen Körper genau zu beobachten und eine Schwangerschaft forcieren. Was passiert passiert. Es ist besser, der Natur manche Themen zu überlassen und so hinterfrage ich diese Fehlgeburt nicht. Das macht es nicht weniger einfach, aber ich werde nie wissen, warum es passiert ist und ich glaube, den Gedanken, ein (zukünftiges) Kind im Himmel zu wissen, kann ich für mich nicht aushalten auf Dauer. Vielleicht ist es Verdrängung, vielleicht auch Vernunft oder Selbstschutz. Aber es muss sich nur für uns richtig anfühlen.

Wie man mit einer Fehlgeburt umgeht oder damit abschließt, weiß ich nicht. Es kann nur den Weg geben, den jeder für sich gut findet und der heilt. Ich kann euch auch nicht sagen, wie man am besten das nächste Gespräch anfängt und wie doof es wohl für Freunde oder Bekannte ist, einfach von seinem Alltag zu berichten. Auch da kann man wohl nur schauen wohin die Reise geht und muss die Reaktion vielleicht aushalten, auch wenn man sie nicht versteht. Ich jedenfalls kann und will nicht auf jedes traurige Schicksal antworten, auch wenn es mir leid tut. Ich habe keine Antwort auf „Wie geht´s dir jetzt?“. Und eines Morgens werde ich aufwachen und den blödesten Witz im Kopf haben und herzhaft darüber lachen und es mit allen teilen wollen, ohne ein schlechtes Gewissen mir selbst gegenüber. Und dann ist es gut.

Trotz der vielen Nachrichten, halte ich es für richtig, darüber zu schreiben und auch die Gefühle in Worte zu fassen, die Möglichkeiten aufzuzeigen, wie man damit umgeht, denn es gibt ja nicht den einen richtigen Weg. Was aber für uns alle gilt, wir haben das Recht auf Hilfe und auf Beratung von einer Hebamme. Wir dürfen schlecht gelaunt und traurig und verletzt sein. Wir dürfen einen Stern am Himmel suchen, oder gedanklich die Natur voll pöbeln. Und richtig lachen und den Traum nicht aufgeben, das dürfen wir auch. Das Leben wird es uns schon zeigen.

An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank für all die aufmunternden Kommentare, den Zuspruch, die Herzen, das (virtuelle) Dasein, die große Anteilnahme, sowohl im Netz als auch privat. Das war für uns überraschend, manchmal etwas überfordernd, aber auch tröstend und hilfreich.

Autor

Seit 2011 bin ich in die Welt der Mütter aufgenommen. Mittlerweile habe ich 3 Töchter. Hier schreibt keine "typische" Mutter, die Haushalt und Familie mit links schmeißt, Modelmaße hat und nebenbei locker eine Karriere wuppt. Ich finde es okay, auch mal zu sagen "Ich bin müde! Der Mann nervt! Wir streiten öfter! Nein, ich backe, bastel und singe nicht 24 Stunden am Tag! Ja, ich mag Fast Food und ein Schnäpschen zwischendurch!" Aber auch die schönen Dinge kommen nicht zu kurz. Süße Sachen die ich im Netz finde, hilfreiche Tipps, anderes Lesenswerte und ganz viel ♥

4 Comments

  1. Hallo Jette, sehr starke Worte von Dir. Ich wünsche dir /euch für die nächste Zeit viel Kraft und alles Gute
    VLG

  2. Liebe Jette, ich hatte in der Schwangerschaft nach der Fehlgeburt auch deutlich mehr Angst als vorher. Man hört und liest ja nach dieser Erfahrung mehr als einem lieb wäre. Mich hat es auch sehr beschäftigt, das diese Schwangerschaft nicht mehr die Leichtigkeit von der 1. & 2. hatte. Und das Nr. 3 im Bauch auch noch ruhiger war als Nr. 1 & 2 hat es auch nicht besser gemacht. Aber die kleine Maus hat glücklicherweise immer „geantwortet“, wenn ich sowohl im Geiste als auch durchs Hand auf den Bauch legen mit ihr in Kontakt treten wollte. Als hätte sie gespürt, das ich ein Zeichen brauche, das es ihr gut geht. Und ich konnte diese letzte Schwangerschaft schlussendlich doch sehr genießen und hab all die schlechten Gedanken weit weggeschoben. Mein Baby hat mir dabei sehr geholfen 😉
    Gib dir Zeit, das Erlebte zu verarbeiten. Ich wünsche dir alles Gute und viel Zuversicht!

  3. Genauso geht es mir.. Während meine Freundin ihr Sternenkind hat eintragen lassen ins Stammbuch (sie war kurz nach der 12.ten Woche), war ich unendlich traurig, andererseits froh, das ich nie einen Herzschlag sah.. und sich zwei Monate später das Krachelinchen ankündigte.. Natürlich war das nicht ohne Sorgen meinerseits.. aber der Gedanke, das da „oben“ vielleicht jemand aufpasst war tröstlich.. ab und an denke ich dran (so wie am 16.8., wo es passierte)

    Drück dich aus der Ferne

  4. Danke für den Text – mir ging es ähnlich. Ich habe es auch als Laune der Natur betrachtet, wenn auch als sehr sehr blöde.
    Wir hatten es schon einigen erzählt, mit denen habe ich auch danach drüber gesprochen. Es verstehen einen (aus Gründen) mehr, als man denkt.
    Und war ich mir vorher oft unschlüssig wegen einem zweiten Kind, konnte ich es mir „danach“ nicht mehr ohne vorstellen.
    Und eine richtig gute Laune der Natur war, dass ich bereits drei Monate später wieder schwanger war. Hätte ich nie gedacht.
    Euch alles Gute!

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