Ich werde nicht müde zu wiederholen, dass wir Eltern alle nicht unfehlbar sind und niemand es perfekt macht. Auch wenn es manchmal den Anschein hat und wir an uns zweifeln, weil es bei anderen so perfekt erscheint. Es ist eben so eine Sache mit dem Internet, man zeigt genau die Ausschnitte aus dem Leben, die man zeigen möchte. Und wenn das nur die schönen Momente sind, dann ist das total in Ordnung, denn Familie ist ganz oft einfach schön, aber manchmal auch nicht, oder wir gehen einen Weg, der irgendwann nicht mehr richtig passt.

Als ich neulich interviewt wurde, musste ich viel über unsere Art der Erziehung nachdenken und Fragen beantworten. Das fiel mir sehr schwer, denn wir verfolgen nicht den einen Weg für den es einen Namen gibt. Wir machen viel aus dem Bauch heraus, belesen und reflektieren uns und entscheiden gegebenenfalls neu. Da fiel mir wieder eine typische Situation in unserer Erziehung ein, die wir geändert haben: Das schnelle „Nein!“ und ich glaube, jeder von euch kennt das.

„Kann ich das Spielzeug mit in den Garten nehmen?“ – „Nein!“ (Weil wir wissen, es verschwindet wieder oder wird nicht weg geräumt.)

„Können wir auf den Spielplatz gehen?“ – „Nein!“ (Weil wir grad keine Lust haben.)

„Kann ich ein paar Gummibärchen essen?“ – „Nein!“ (Kam wie aus der Pistole geschossen, oder?)

Dieses schnelle Nein erscheint im ersten Moment ganz praktisch. Das Kind möchte etwas von uns, wir haben aber keine Zeit oder Lust uns mit dem Wunsch zu beschäftigen, also rutscht das Nein so über unsere Lippen. Entweder gibt sich das Kind damit zufrieden oder eine lange Diskussion startet. Warum es denn jetzt nicht im Matsch spielen darf. Wo das Problem sei, mal eben Klebeband zu holen und man würde den Joghurt jetzt gern essen und Abendbrot gibt es doch erst in ein paar Stunden. Theoretisch müssen wir an diesem Nein nun aber festhalten. Sonst wird es irgendwann albern. Wenn wir sagen, dass das Kind nicht mehr in den Garten spielen gehen soll und nach 5 Minuten total genervt sind vom Diskutieren und Quengeln und es dann doch raus gehen lassen, kann uns eine ähnliche Situation immer wieder ereilen und das „Nein“ verliert seine Bedeutung für das Kind, denn wir meinen es ja scheinbar nicht ganz so ernst.

Uns rutscht ein Nein auch schnell raus. Weil ich mich gerade hingesetzt habe und mich ein wenig ausruhen möchte. Weil ich weiß, wenn ich jetzt die Schere, den Kleber und all das Bastelmaterial heraus gebe, das Zimmer verwüstet ist und ich es später aufräumen muss. Und Süßes gibt´s ja sowieso schon mal gar nicht. Dieses schnelle Nein ist bequem. Im ersten Moment. Danach erfordert es Konsequenz. Oder noch blöder, wir merken zwei Minuten später, dass gar nichts dagegen gesprochen hätte, den Wunsch zu erfüllen und einfach nur ohne Nachdenken das „Nein“ raus rutschte.

Nein, wir müssen unseren Kindern nicht ständig jeden Wunsch erfüllen. Auch ein „Nein“ ist okay. Nur nicht inflationär, oder weil es uns grad bequemer erscheint. Klar können wir unsere Entscheidung revidieren und dem Kind sagen, dass es doch okay sei, aber wir können auch einfach zwei Sekunden tief einatmen, schnell überlegen, ob es wirklich aufwendig wäre, dem Wunsch des Kindes nachzukommen und ob es wirklich einen Grund gibt, der gegen ein „Ja“ spricht, oder ob nur wir grad nicht wollen. Und klar, das ist total in Ordnung. Versteht mich nicht falsch. Nach der dritten Süßkram Einheit bleibt das „Nein“ ein „Nein“. Aber beim ersten Mal könnten wir auch einfach zusammen etwas naschen.

Bevor uns das nächste Mal wieder ein schnelles Nein über die Lippen fährt, könnten wir ja mit der Antwort einen kleinen Moment warten und schnell überlegen, wie die Situation mit einem „Nein“ oder „Ja“ weiter geht und erkennen wahrscheinlich ganz oft, dass ein „Ja“vollkommen in Ordnung ist, weil es weniger Konsequenz nach sich zieht, dafür aber glückliche Kinder und weil danach immer noch Zeit fürs Ausruhen bleibt. Oh du olle Bequemlichkeit. Mein Hauptmotivator für ein schnelles Nein.

Keine Sorge, auch uns rutscht es noch oft genug raus. Aber es ist weniger geworden. Ein „Nein“ ist nämlich so endgültig und die Kinder haben keine Chance, dagegen anzukommen. Ich sehe das in ihren Gesichtern und ärgere mich schon im selben Moment, dass ich „Nein“ gesagt habe. Also atme ich erstmal ein wenig tiefer ein und entscheide dann. Und ganz oft bejahe ich eine Frage. Manchmal eben nicht. Aber die Bilanz am Ende des Tages ist deutlich positiver geworden, seit ich mir dieses Wortes bewusst geworden bin. Es kostet uns alle weniger Kraft. Ich muss das „Nein“ nicht durchsetzen, die Kinder müssen um das „Ja“ nicht kämpfen. Natürlich geht es nicht um jedes „Nein“ und jeden Wunsch. Das ist klar. Aber ich glaube, ihr wisst welches Nein in welchen Situationen gemeint ist, oder?

Wer mag, liest HIER meinen Artikel über andere Beispiele, wie wir mit unseren Kindern sprechen und was wir vielleicht ändern können. Da geht es unter Anderem um das schöne Wörtchen „Gleich“.

Autor

Seit 2011 bin ich in die Welt der Mütter aufgenommen. Mittlerweile habe ich 3 Töchter. Hier schreibt keine "typische" Mutter, die Haushalt und Familie mit links schmeißt, Modelmaße hat und nebenbei locker eine Karriere wuppt. Ich finde es okay, auch mal zu sagen "Ich bin müde! Der Mann nervt! Wir streiten öfter! Nein, ich backe, bastel und singe nicht 24 Stunden am Tag! Ja, ich mag Fast Food und ein Schnäpschen zwischendurch!" Aber auch die schönen Dinge kommen nicht zu kurz. Süße Sachen die ich im Netz finde, hilfreiche Tipps, anderes Lesenswerte und ganz viel ♥

13 Comments

  1. Liebe Jette,
    Du hast mal wieder so recht! Mir passiert es auch immer wieder, dass ich aus Bequemlichkeit schnell „nein“ sage. Allerdings bin ich auch nicht der Meinung, dass es irgendwie schadet, wenn ich von einem „nein“ wieder abrücke, glaube also nicht, dass ich dann unbedingt dabei bleiben muss. Vielmehr lasse ich mich durchaus oft von den Kindern anders überzeugen – wenn ich merke, dass es ihnen wirklich wichtig ist, und dass ich eigentlich keine so stichhaltigen Gründe dafür hatte, nein zu sagen. Während mein Mann das leider oft kritisiert und darin eine Schwäche sieht (Unterminieren der elterlichen Autorität und so), sehe ich das völlig anders – ich rede eben auf Augenhöhe mit den Kindern und bringe ihnen damit bei, dass man diskutieren und Kompromisse finden kann und dass sie eben durchaus die Möglichkeit haben, mich zu überzeugen. Damit zeige ich ihnen doch auch, dass es in Ordnung ist, nachzugeben und seine Meinung zu ändern – und ich finde, damit gebe ich ihnen doch eine gute Lektion fürs Leben mit – es ist keine Schwäche, sich anders überzeugen zu lassen, man muss nicht bei einem „Nein“ bleiben, und auch ihr müsst das nicht! Ich versuche immer wieder, das meinem Mann zu erklären, aber bisher ohne großen Erfolg.

  2. Ich hab neulich zu irgendwas ja gesagt und meine Tochter war völlig überrascht und strahlte übers ganze Gesicht. Ein Augenöffner-Moment, anscheinend rechnet sie bei mir schon mit einem Nein. So eine Mama will ich nicht sein. Ich gelobe Besserung!

  3. Vielen Dank für diesen Denkanstoß… Ich versuche mich gleich morgen im Durchatmen und kurz inne halten ;-)

  4. Hallo,
    ich habe leider in letzter Zeit feststellen müssen, dass ich oft „nein“ sage und nachher denke: „Eigentlich hättest du es doch erlauben können.“ Deshalb habe ich mir vorgenommen, mir vor dem Nein-Sagen etwas mehr Gedanken zu machen.

    Grüße
    Celine

  5. Liebe Jette, ich danke dir für einen mal wieder sehr treffenden Beitrag. Was bin ich einerseits froh, das es vielen anderen Müttern/Vätern genauso geht (den Meisten?). Andererseits ist es wirklich erschreckend, wie oft DIESES Nein gesagt wird. Und wie oft dachte ich im Nachhinein das es total doof von mir war. Aber einknicken bedeutet ja inkonsequent sein. Wobei das gar nicht mal so schlimm ist. Nicht so schlimm, wie das Nein vorher. Bei mir ist es meist ein genervtes, dicht gefolgt vom bequemen Nein. Und dieses soweit es geht zu reduzieren ist nicht so leicht wie gedacht, aber ich arbeite stetig an mir. 😉

  6. Hach, darüber habe ich mir in letzter Zeit auch Gedanken gemacht. Mir kam noch der zusätzliche Aspekt, dass die Neins sich ja dem Alter und der Entwicklung des Kindes anpassen müssen. Mein konkretes Beispiel war: das große Kind wollte im Hof mit einem Freund spielen und mir lag schon ein Nein auf den Lippen, weil ich weder Zeit noch Lust hatte im Hof rumzuhängen (habe ich übrigens nie 😅). Aber dann viel mir zum Glück noch rechtzeitig ein, dass sie ab sofort ruhig ohne Begleitung runter darf, solange sie auch wirklich im Hof bleibt. Also sagte ich ja. Zack, Kind glücklich und gleich mal um einen Meter gewachsen vor Stolz.
    Die beiden Kleinen fanden das zwar ungerecht aber irgendwie hab ich da die Kurve dann auch noch gekriegt – hatte wohl nen Lauf ✌🏻
    Und mir hat dieses Ja auch gut getan und geholfen ein paar Regeln, Verbote und Privilegien anzupassen.

  7. Über fast genau das Thema habe ich mir vor ein paar Tagen noch Gedanken gemacht. Bei mir ging es weniger um die Konsequenz als um die Begründung. Mir ist aufgefallen, wie oft ich mich früher geärgert habe (und es auch heute noch manchmal tue), wenn meine Eltetn „Nein“ gesagt haben und ich keinen Grund dafür erkennen konnte, außer „darum“ oder „weil ich das sage“.
    Und jetzt bringe ich meine eigenen Kinder viel zu oft in die gleiche Situation.
    Natürlich wird es immer Fälle geben, in denen wir als Eltern etwas verbieten (müssen), aus einem guten Grund, den die Kinder aufgrund ihres Alters noch nicht überblicken und verstehen können.
    Aber wie du schon schreibst: wie oft sagen wir Nein, ohne einen richtigen Grund?
    Ich versuche daher in moment auch viel öfter erst nochmal nachzudenken, bevor ich antworte. Ich überlege, ob ich eine plausible Antwort hätte auf die „Warum nicht?“ – Frage. Und wenn ich diese Antwort nicht habe, könnte ich ja auch ja sagen. Oder eben sowas wie „ich möchte gerade noch ein paar Minuten sitzen und Pause machen, aber wenn der große Zeiger oben ist, stehe ich auf und hole dir die Knete.“
    Danke für deine Gedanken!

    • Ja, das mit dem „Ich möchte mich jetzt noch etwas ausruhen, aber danach (…)“ ist eine gute Idee, die beiden Bedürfnissen Rechnung trägt! Manchmal mache ich das auch so in der Art, aber Du erinnerst mich daran, dass man es öfter tun sollte – einfach immer dann, wenn man etwas nicht aus Prinzip nicht will, sondern nur in diesem Moment nicht, und es ist greifbarer und nachvollziehbarer und auch „näher“, als wenn man nur sagt „Gleich“.

  8. Danke für den Input, werde mich gleich üben im durchatmen und kurz innehalten 🍓

  9. Ein guterText, der mich zum Nachdenken bringt. Auch bei uns heißt es wohl zu oft und zu schnell „nein“…

  10. Ohja, ich weiß welche Neins in welchen Situationen gemeint sind! ;-) Danke für den schönen Input, werde es (bzw. mich) direkt mal testen, wenn die Meute gleich wieder zu Hause ist :-D

  11. Bei uns ist das schnelle Nein (wir nennen es bequemes Nein) auch so ein Kandidat. Allerdings „erlaube“ ich mir inzwischen oft auch das Nein wieder zu revidieren, wenn ich merke, dass es vorschnell gewesen ist. Dann sage ich meistens etwas wie in der Art – ich habe mir das noch mal ueberlegt oder etwas suesses gibt es jetzt nicht, aber wenn du Hunger hast, kannst du xyz haben. Damit fahren wir inzwischen auch echt gut, Rueckfaelle ins schnelle und bequeme inklusive… :-)

  12. Du hast so recht 🤦🏼‍♀️ Man ist wirklich oft zu bequem oder man ist gestresst und kann nicht um Switchen. Das passiert mir häufig, bei drei kleinen Kindern geht das leider rasend schnell. Aber ich werde auch wieder vermehrt darauf achten, das Leben ist doch echt zu kurz für so viel „Nein“
    Lg

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