In den unscheinbarsten Momenten überkommt sie uns manchmal: Die Erinnerung. An die Kindheit, an einen geliebten Menschen. Ich habe einen Freund, der ist viel zu früh gestorben. Seitdem kann ich ein bestimmtes Lied nicht mehr hören, was auf seiner Trauerfeier lief. Auch nach all den Jahren nicht. Und manchmal, ganz plötzlich, habe ich seinen Duft in der Nase. Und es überfährt mich ein Schauer, weil ich denke, dass er es ist. Ich denke sofort an ihn und an die schöne Zeit, die wir zusammen hatten. Eigentlich einen sehr intensiven Sommer, auch wenn wir uns viel länger kannten.

Grüne Bohneneintopf und Plinse und ein Gefühl von Kind sein

Wenn ich grüne Bohneneintopf esse, denke ich immer an meine Oma. Ich weiß ganz genau, wie es in der Wohnung aussieht, wie ich durch die Durchreiche vom Wohnzimmer in die Küche schielen konnte, ob das Essen schon fertig ist. Wie mein Opa und ich immer da saßen, voller Vorfreude und wir die Suppe dann gar nicht essen konnten, weil sie viel zu heiß war. Nur meine Oma aß sie und wir zwei saßen da und pusteten die Suppe kalt.

Meine Oma lag immer im Wohnzimmer und machte Mittagsschlaf auf dem Sofa und mein Opa lag in seinem Bett. Aber wenn wir wussten, dass es heute Plinse geben sollte, dann stand auch er immer eher auf und tigerte im Wohnzimmer rum. Lange schlafen konnte sie dann immer nicht und gab irgendwann auf. Weil wir eh keine Ruhe geben, bis es endlich Plinse mit Butter, Zucker & Zimt gibt. Frisch aus der Pfanne. Und wenn sie heute so schmecken wie damals, ach dann bin ich ganz kurz noch mal ein kleines Kind und warte vor meinem Teller, bis meine Oma endlich mit dem Teller voller Plinse rein kommt und dann wette ich mit meinem Opa, dass ich mehr essen kann als er. Und ist so ein schöner, ruhiger Moment. Und ich denke immer: Verrückt wie ich damals dachte, das ist immer so. Die Zeit wird nie vergehen. Ich werde immer bei Oma und Opa Plinse essen. Weil sie ja zu mir gehören.

Erinnerungen sind wie Blubberblasen im Sprudelwasser

Manche Erinnerungen kommen plötzlich hoch gesprudelt, wie Blubberblasen im Sprudelwasser. Ganz unerwartet. Ein Geruch. Ein Essen, ein schöner Gedanke. Und manchmal auch die Trauer und das Vermissen. Ohne Vorwarnung. Und so stehe ich im Urlaub da und sehe plötzlich einen Menschen, der jemandem sehr ähnlich sieht, den wir dieses Jahr gehen lassen mussten. Und all die Erinnerungen kommen so schnell hoch. Und auch die Kinder meinen, er sehe ihm sehr ähnlich.

Und einfach so beim Abendbrot reden die Kinder über ihn. Aus dem Nichts. Und es tut ihnen gut. Wir schwelgen in schönen Erinnerungen und dem Mann und mir fällt es schwer. Ganz leise kullern ein paar Tränen, während die Kinder so selbstverständlich von ihm reden. Denn es gehört dazu, dass er nicht mehr hier ist. Aber irgendwo ist er ja und sieht alles und sicher fände er vieles auch sehr lustig, oder würde mal schimpfen und ganz bestimmt wäre er stolz.

Wohlige Erinnerungen schaffen für ein Leben lang

Ich hoffe, meine Kinder nehmen viele schöne Erinnerungen ein Leben lang mit. Auch wenn sie jetzt noch so klein sind und sich wahrscheinlich an Vieles nicht erinnern können, so hoffe ich, dass ihnen der Anblick an eine Schaukel unter einem Baum immer ein wohliges Gefühl bescheren wird. Und dass sie bei Grüne Bohneneintopf an ihre Kindheit denken und an die Omas, die so leckere Suppen kochen. Ich kann ihnen nicht jeden Tag unglaubliche Erlebnisse bieten, an die sie hoffentlich lange denken. Aber das brauchen sie auch nicht. Es wäre doch ganz wunderbar, wenn wir unseren Kindern eine Kindheit schenken, in der es immer wiederkehrende Gerüche, Situationen, Geschmackserlebnisse gibt, an die sie sich später gern zurück erinnern und ihren Kindern davon erzählen und ein kleines bisschen davon weiter geben.

Ich habe viele kurze Erinnerungen an meine Kindheit bei meinen Großeltern und auch von zu Hause. Manchmal weiß ich es gar nicht mehr, bis ich es rieche. Manchmal ist die Erinnerung auch weg, weil sie schmerzt. So wie bei Menschen, die einfach von uns gehen. Aber auch wenn die Trauer uns leise begleitet, so mag ich es, wenn wir beim Abendbrot zusammen sitzen und von dieser Person reden. Und jedes Mal wenn mir dieser eine bestimmte Geruch in meine Nase steigt, dann denke ich an meinen Freund und stelle ihn mir vor und atme ganz tief ein. Um ihn lange in Erinnerung zu bleiben.

Ich hoffe, ihr habt auch ein paar Rituale oder Gerichte, die euch an eure Großeltern und an eure Kindheit erinnern. Die mit Lachen und Liebe verbunden sind. Denn zumindest mir schenken sie so eine herrliche Wärme ums Herz. So eine Unbeschwertheit, die man heute fast nicht mehr erlebt. Umso schöner sind diese Erinnerungen und umso mehr freue ich mich jeden Tag, Mutter zu sein und eigene warme Erinnerungen voll Liebe für meine Kinder zu schaffen.

Author

Seit 2011 bin ich in die Welt der Mütter aufgenommen. Mittlerweile habe ich 3 Töchter. Hier schreibt keine "typische" Mutter, die Haushalt und Familie mit links schmeißt, Modelmaße hat und nebenbei locker eine Karriere wuppt. Ich finde es okay, auch mal zu sagen "Ich bin müde! Der Mann nervt! Wir streiten öfter! Nein, ich backe, bastel und singe nicht 24 Stunden am Tag! Ja, ich mag Fast Food und ein Schnäpschen zwischendurch!" Aber auch die schönen Dinge kommen nicht zu kurz. Süße Sachen die ich im Netz finde, hilfreiche Tipps, anderes Lesenswerte und ganz viel ♥

12 Comments

  1. Pingback: Linktipps #19 - Meine Blogfunde im Oktober 2017 - Mama geht online

  2. Margaretchen Reply

    Auch ich konnte das ein oder andere Tranchen nicht vermeiden. Ein Tranchen für meine Mama, die dreie Monate nach der Geburt meines ersten Kindes leider gehen musste. Eine für meine Oma, die ein ganz tolles, langes und erfülltes Leben hatte.

    Ich habe manchmal das Gefühl, unsere Zeit ist so schnelllebig geworden, die Medien so beeinflussend. Können unsere Kinder es schaffen, solche Erinnerungen zu entwickeln? Natürlich können Sie das, eben nur etwas anders als wir damals. Dennoch sollten wir es den Kindern möglich machen, sich an Bohnensuppe oder Nudelgeschlürfe an Omas Esstisch erinnern zu können. An diesen besonderen Geruch.

    Liebe Jette, ein so toller Text, der wach ruft, was so oft im hektischen Alltag vergessen/ verdrängt wird und auf zeigt auch mal Inne zu halten und an liebe Menschen zu denken.

  3. Sooo schön geschrieben, vieles könnte ich genauso wiedergeben, Du sprichst mir aus dem Herzen. An manche Sachen erinnert man sich, als wäre es gestern gewesen. Auch wenn einen viele liebe Menschen nicht mehr begleiten, behält man sie ein Leben lang im Herzen bei sich.

    Ich verfolge Deinen Blog nun seit einiger Zeit, lese total gern bei Dir, weil Du einfach aus dem realen Alltag schreibst, mit allen Höhen und Tiefen.

    Liebe Grüße,

    Alex

    • Vielen lieben Dank. Das freut mich sehr. Fällt mir ja auch nicht immer leicht, ein Thema zu finden und das dann noch in Worte zu verpacken. Umso mehr freut mich das Feedback. ☺

  4. Gerüche sind unglaublich – ich habe ein Deodorant, von dem ich seit Jahren eine halb-leere Flasche mit umziehe. Weil sie mich an den Sommer mit meiner ersten Band erinnert. Eine Gruppe Freunde, die fast schon Familie ist. Die zum Glück alle noch leben aber nach dem Studium eben doch in alle Winde zerstreut wurden.
    Ein Hauch davon und es ist wieder dieser heisse Sommer, ich bin im Proberaum im Keller der Hochschule und wir machen Musik.

    Mein Vater ist gestorben, als ich 24 war. Ich denke in letzter Zeit öfters an ihn, mein Sohn liebt seinen Opa väterlicherseits abgöttisch. Zum Glück hat er wenigstens ihn. Ich weiß, mein Vater wäre in seiner Rolle als Opa völlig aufgegangen. Leider war es ihm nicht vergönnt, auch nur eines seiner Enkelkinder kennenzulernen. Auch keinen seiner Schwiegersöhne.
    Vor ein paar Jahren saß ich in der Bahn und ein älterer Mann stieg ein. Und er roch wie mein Vater. Tatsächlich auch recht intensiv. Bei jedem anderen hätte ich so viel Körpergeruch als belästigend empfunden. Aber in dem Fall war ich einfach nur traurig, als er ausstieg. Für einen Moment war ich wieder jung und mein Vater noch am Leben. Könnte ich den Geruch einfangen, wäre das Fläschchen mit diesem Duft ein Schatz, den ich nicht missen wollen würde.
    So bleibt nur die Erinnerung.

  5. Stineprinz Reply

    Liebe Jette,
    das hast Du ganz bezaubernd geschrieben. Ich habe ein lachendes und ein weinendes Auge, weil es eben genau diese Momente gibt, an denen ich auf einmal an meine Omas denke, die nicht mehr bei uns sind. In denen mir aber auch ganz warm ums Herz wird, weil ich so viel schönes mit ihnen erlebt habe. In anderen Momenten denke ich an meine Eltern und da gibt es bestimmte Gerichte, die nur meine Mama so gut kochen kann und Themen, die ich nur mit meinem Papa so besprechen kann. Ich bin froh, dass meine Tochter manche Rituale auch schon für sich übernimmt. Gerichte, die sie sich nur bei mir oder eben nur bei der Oma wünscht. Spiele oder Bücher, die sie sich bei bestimmten Menschen aussucht und bei anderen nicht. Ich hoffe, dass ihr diese Gefühle auch weiter erhalten bleiben und ihr den sicheren Rahmen von Vertrautheit, Geborgenheit und Sicherheit geben, um sich von diesen Ritualen, Gefühlen, Gedanken leiten und auf ihrem eigenen Weg davon begleiten zu lassen.
    Sei ganz herzlich gegrüßt von Stine

  6. Liebe Jette,

    es ist so schön, wie du schreibst. Da wirds mir selbst auch ganz heimelig und ich erinnere mich an Kindheitsbegebenheiten.

    Und ja, ich hab mir diese Frage auch schon gestellt. Was werden meine Kinder wohl mitnehmen? Ich hoffe, sie erinnern sich an Kindergeburtstage, Schwimmbadnachmittage, Familienurlaube und Marmorkuchen. Oder vielleicht an Übernachtungspartys mit den besten Freunden.

    Erinnerungen sind etwas so wunderbares. Wenn ich an meine Kindheit denke, dann bin ich im Schwarzwald, erlebe unendliche Nachmittage mit Freundinnen und hüpfe durch Schneeburgen, die mein Vater uns gebaut hat. Ich denke an Menschen, die ich heute nicht mehr kenne, an Freunde, von denen ich heute nicht mehr weiß, wo sie wohnen – und ganz oft ist es einfach nur ein Tannenbaum, der bei mir alle Kindheitsgefühle auf einmal wieder ans Tageslicht befördert.

    Ich hoffe, das meine Kinder später ein großes Sammelsurium an wunderschönen Kindheitserinnerungen zur Verfügung haben, aus denen sie ihr Leben lang schöpfen können. Das finde ich eine sehr schöne Vorstellung.

    viele Grüße
    Carola

  7. Das hast du ja ganz super hinbekommen Jette…jetzt liege ich hier im Bett, wollte noch schnell deinen Beitrag lesen und heule nun über beide Ohren! 😔 Dein Artikel ist wunderschön und trifft es auf den Punkt. Erinnerungen sind wundervoll – eine schöne Kindheit, geliebte Menschen oder aber auch andere Momente. Erinnerungen sind kostbar und geben die Möglichkeit gewisse Momente wiederzuerleben oder verlorenen Menschen besonders nahe zu sein. Danke für deine lieben Worte, in einer Zeit wie heute ist es wichtig sich auch solche Sachen ins Bewusstsein zu rufen und einfach nur das Leben zu genießen und alle daraus entstehenden Erinnerungen! Lg Steffi

  8. Ein rührender Artikel, liebe Jette.

    Bei mir sind es Milchnudelsuppe, Haferflockensuppe und Pellkartoffeln mit Leberwurst die mich an meine Kindheit erinnern. Eine Kindheit mit viel Liebe und leckerem Essen, gemeinsamer Zeit, gern auch beim Kochen. Und nun bin ich selber Mama von einem kleinen wunderbaren Menschenkind und hoffe inständig, dass ich auch ihm Erinnerungen schaffen kann, an die er immer gern zurückdenkt. Aber ich denke, dass bekommen wir alle irgendwie schon hin. Und dann ist es später einmal spannend, wenn uns unsere Kinder erzählen, welche der vielen Erlebnisse, Gerüche oder Gerichte sie an ihre Kindheit und besondere Momente erinnern 😊❤

    Liebe Grüße
    Finja

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