Wir sind stets bemüht, gute Eltern für unsere Kinder zu sein. Wir spielen Barbie, hören uns 100x hintereinander die gleiche Liedzeile an, teilen unser Bett, unser Essen und lesen Ratgeber, um sie ja nicht zu verziehen. Wir begleiten sie liebevoll auf ihrem Weg, reflektieren in der Wut getätigte Aussagen und laufen beim Laternenumzug mit, obwohl die Zehen schon abgefroren sind.

Ja hin und wieder kosten Situationen Überwindung. Ich jedenfalls gehe nicht gern auf den Spielplatz oder in ein Spielcafé. Ich muss nicht mit anderen Eltern in der Kälte drei Laternen halten und schauen, dass mein Kind nicht weggeschubst wird, wenn es sich dann eine Brezel nach dem Umzug holen möchte. Nein so leidenschaftlich gern höre ich Kinderlieder nun auch nicht und auch manche Kinderbücher lassen einen kurz verzweifeln. Ich sag nur Bobo Siebenschläfer. Der Mann könnte sicher auch besseres tun, als den höchsten Lego Turm bauen, oder hätte seinen Rücken sicher gern für sich, statt dass wilde Kinder drauf rum springen.

Siegessicher das Elternspiel durchgespielt?

Aber all das machen wir aus Liebe zu den Kindern. Gehört ja auch dazu und ist ganz oft auch mit schönen, liebevollen und lustigen Momenten verbunden. Wer nun also denkt, er hat erfolgreich das Elternspiel durchgespielt, kann prima kranke Kinder versorgen, erträgt Magen-Darm-Grippen und möchte bei Conni vor Begeisterung fast mitklatschen, dem empfehle ich zur Erdung einen Spielnachmittag mit kleinen Kindern. Gern auch mit meinen, falls die eigenen Kinder sich nicht so verhalten, wie ich es gleich schildere.

Ich muss vorweg nehmen, der Mann  und ich spielen gern. Wir haben Triominos, UNO und ein Tatort Spiel und freuen uns, wenn unsere Freunde Zeit und Lust haben auf einen lustigen Spieleabend. Übrigens war ungefähr der erste Satz meines damals noch zukünftigen Schwiegerpapas: „Du bist doch echt ne blöde Kuh!“, als er ca. 30 Karten aufnehmen musste bei UNO. Ja so entstehen tiefe Freundschaften. Wir haben jedenfalls alle sehr laut gelacht. Na gut, einer nicht und erinnern uns bis heute gern an diesen unglaublich fröhlichen Spieleabend zurück.

Ein Drama in mehreren Akten: Mensch ärgere dich nicht

Doch ich schweife ab, denn so ein Ereignis ist mit Kindern eine ganz andere Nummer. Um genau zu sein werden einmal alle Emotionen durchgespielt und man kann froh und stolz sein, wenn am Ende noch alle leben und man auch noch alle liebt. Der Reihe nach. Unsere Kinder sind 16 Monate, 4 und 6 Jahre alt. Die Jüngste kann noch nicht mitspielen und tut daher das, was sie am Besten kann: Zerstören. Sie nutzt unsere nicht vorhandene Aufmerksamkeit ihr gegenüber schamlos aus, um die Wohnküche ins Chaos zu stürzen. Oder sie schmeißt alle Spielfiguren durch die Gegend, zerknautscht Spielkarten etc. Nun ja, zusammenfassend also schon ein spaßiges Ereignis bevor es richtig los geht.

Die beiden Größeren platzen vor Spielbeginn erst vor Vorfreude und Aufgeregtheit, um sich dann innerhalb von 2 Sekunden zu streiten, wer nun welche Spielfigurfarbe bekommt. Der Mann raunzt mir entgegen, dass ich ja unbedingt Kinder wollte, während ich überlege, ob es schon Zeit für alkoholische Getränke sei. Nach der Farbzuordnung überwiegt wieder die Freude. Wir spielen zur Zeit eine Art Mensch ärgere dich nicht und dieses Spiel ist einfach großer Mist. Selbst mich macht das streckenweise so aggressiv, dass ich gedanklich das Spielfeld inklusive aller Figuren quer durch den Raum werfe. Wer hat den Kindern das überhaupt geschenkt?! Ich war´s nicht.

Stimmungswandlungen im Sekundentakt

Nach der Farbdiskussion ist vor der Wer-fängt-an-Diskussion. „Ich bin die Hübscheste, also fange ich an“ unterbreche ich die schrillen Stimmen und würfle. So geht das munter reihum. Wie wir alle wissen, muss man erst eine 6 oder ein bestimmtes Symbol würfeln, um mit der ersten Figur starten zu können. Spätestens nach der zweiten Würfelrunde, in der womöglich schon einige Spielfiguren auf dem Feld sind, werden kleine Kinder ungeduldig und finden es voll gemein, dass sie da so blöde rumstehen und überhaupt nichts machen können. Der Würfel wird in der Hand gedreht und nur vorsichtig gekippt, damit endlich die Erlösung herbei gewürfelt wird. Der Würfel zeigt sich gnädig und endlich sind alle im Spiel.

Das erste große Drama konnte also abgewendet werden. Ich reiche zur Freude aller Popcorn und schaue den Mann verliebt zuversichtlich an. Das geht allerdings nur so lange gut, bis die erste Spielfigur raus geworfen wird. Es trifft natürlich immer den Falschen und schon ist das Geschrei groß. Man spiele nicht mehr mit (Juhu, Spiel vorbei!), überhaupt sei der Papa total gemein und wird nie wieder zur Geburtstagsparty eingeladen (zum Hundertsten Mal schon ausgeladen) und weil die Schwester beim Raus werfen noch hämisch gelacht hat, wird ihr gleich mal die Freundschaft gekündigt (auch zum Hundertsten Mal). Nun öffne doch mal den Sekt, denke ich nur und versuche dies dem Mann mit Blicken zu signalisieren, der zwischen genervt sein und bloß nicht lachen, schwankt.

Die Stimmung kippt

Nun sitzen wir also da, zwei Erwachsene, die viel lieber Mittagsschlaf machen würden oder sonstwas, eine boshaft lachende Schwester, total siegessicher, ein Rambo als Kleinkind getarnt und die am Boden zerstörte Tochter, die nun wieder dreimal würfeln darf um weiter mitspielen zu können. Das Popcorn habe ich zum Aggressionsabbau hintergeschlungen. Dass sich die Stimmung schlagartig ändert zeigt sich, als das eben noch theatralisch kreischende Kind, den Mann kurz vorm Ziel rauswirft. Plötzlich ertönt boshaft hämisches Gelächter. Die Tränen werden weggewischt und weichen einem genugtuenden Gesichtsausdruck. Yeah, Papa rausgeschmissen. Die Schwester lacht solidarisch mit. Als meine Mittlere vor der Entscheidung steht, mich, gaaaaanz kurz vorm Ziel oder den Mann erneut rauszuschmeißen und sich dank der großen Schwester, die noch bemerkt, dass ich ja sonst gewinne, für mich entscheidet und mein kleines grünes Männchen (Ich mag nicht mal grün) in hohem Bogen an mir vorbei fliegt, ist auch meine Laune im Keller und ich frage mich, wieviel Menschenhass wohl in dem Erfinder dieses Brettspiels steckte.

Nach einer Stunde haben wir es geschafft. Ich weiß nicht mehr wer gewonnen hat. Ich wars nicht. Wahrscheinlich wird das Spiel bald in einem mysteriösen Feuer verschwinden oder die Zahnfee nimmt es mit. Überhaupt denke ich, ist es an der Zeit über ein Gesellschaftsspielverbot nachzudenken, bis die Kinder so groß sind, dass wir zusammen Sekt trinken können und sie ihre Emotionen zumindest äußerlich soweit im Griff haben, dass mir nicht die Ohren klingeln, der Mann mir nicht vorwirft, dass ICH ja so viele Kinder wollte und dass wir stattdessen sehr sehr viel lachen. Aber eins muss ich sagen, auch dieser Spieltag wird mir noch lange Zeit im Gedächtnis bleiben. Mindestens so lange, bis ich wieder irre genug bin, einem gemeinsamen Spielenachmittag zuzustimmen.

Wie läuft das bei euch? Spielt ihr gern Brettspiele mit euren Kindern?

Author

Seit 2011 bin ich in die Welt der Mütter aufgenommen. Mittlerweile habe ich 3 Töchter. Hier schreibt keine "typische" Mutter, die Haushalt und Familie mit links schmeißt, Modelmaße hat und nebenbei locker eine Karriere wuppt. Ich finde es okay, auch mal zu sagen "Ich bin müde! Der Mann nervt! Wir streiten öfter! Nein, ich backe, bastel und singe nicht 24 Stunden am Tag! Ja, ich mag Fast Food und ein Schnäpschen zwischendurch!" Aber auch die schönen Dinge kommen nicht zu kurz. Süße Sachen die ich im Netz finde, hilfreiche Tipps, anderes Lesenswerte und ganz viel ♥

10 Comments

  1. Du heiliges Kanonenrohr… so echt und genial geschrieben, war kurz mit euch am Tisch beim spielen. Wann wird dein Buch veröffentlicht? Werde sicherlich eins kaufen – stelle bereits den Sekt mal kühl 🙂
    Falls dir mal die Themen ausgehen solltet, wovon ich zwar nicht ausgehe, kann ich gerne noch Ideen liefern! Danke für deinen wunderbar authentischen Blog – mach weiter so.

    • Hahahahaha. Die Frage nach dem Buch häuft sich. Ich denke mal drüber nach. U vielen lieben Dank für deinen tollen Kommentar ❤

  2. Tja….leider kann auch ich das sehr gut nachempfinden…!!! Solche Spielnachmittage hatten wir mit unseren Zwillingen, als sie etwas jünger waren, zu genüge….jetzt sind sie 7 und es ist besser geworden. Einen Tipp habe ich aber für dich, falls Du sie noch nicht kennst: es gibt einige Spiele, bei denen alle zusammen – und eben nicht gegeneinander! – spielen, nur so kann man gewinnen. Mein absolutes Highlight ist „wer war’s?“, vielleicht noch etwas zu schwer für deine Mittlere (unsere haben das Spiel mit 5 bekommen), aber genial: die Kinder müssen zusammen spielen, und können auch irgendwann sehr gut alleine spielen, ohne dass Chaos ausbricht!

    • Danke für den Tipp! Wir haben von dieser Sorte nur ein Spiel, nämlich „Obstgarten“. Für Siebenjährige ist es aber schon zu leicht und zu langweilig, dafür für kleinere Kinder ein friedlicher Zeitvertreib. Mit meinen beiden (6 und 4) kann ich es noch gut spielen.

  3. Wie geil ist denn bitte dieser Artikel mal wieder geschrieben? Ich hatte das Gefühl, heimlich bei euch im Esszimmer zu sitzen und mir das ganze aus der Nähe anzugucken – so lebhaft wie du sie Szenerie beschrieben hast!
    Blöd ist nur: wenn man Tränen lacht, kann man nix mehr lesen. Also bitte in Zukunft ein bisschen mehr ernst!
    Wir sind hier NOCH in der glücklichen Lage, dass Anton noch gar nix spielt und Emil (3) eine Aufmerksamkeits-spanne von maximal fünf Minuten hat. Das reicht also noch nicht mal für „Tempo, kleine Schnecke“. Glück für uns! Wir spielen sowieso lieber Looping Loui – Ohne Kinder! 😀

  4. Hi Jette! So ist das bei uns auch bei diesem „tollen“ Spiel! Mal ärgert man sich, im nächsten Moment freut man sich, dass man einen anderen stoppen konnte. Schon bevor man anfängt, weiß man eigentlich, dass auch so manche „schwierige“ Situation kommen wird, in der man selbst (ja, auch ich bin eine, die sich des öfteren sehr ärgert, obwohl’s ja nur ein Spiel ist) oder das Kind die Geduld verliert oder einer wütend wird, weil man denkt, man würde verlieren.
    Aber trotz allem finde ich Brettspiele toll, da es auch immer wieder tolle Momente dabei gibt und die ganze Familie zusammen ist. Auch wenn die Familie bei uns nur aus 3 Personen besteht. Obwohl meine Schwiegereltern auch öfters mitspielen.
    Ich wünsche allen noch viele tolle Stunden mit Spielen! 😄

  5. Ich habe unfassbar gelacht… Einfsch alles davon ist so wahr. Herrlich. Bitte schreib ein Buch.. Nein, schreib eine Reihe von Büchern.

  6. Oh Jette, ich musste schon beim Anblick des Bildes grinsen – genau dieses Spiel habe ich am Sonntag nach langer Spieleabstinenz (warum wohl?), offensichtlich getrieben von geistiger Umnachtung, auch gespielt. Du hast so recht! Mir fiel ganz schnell wieder ein, warum ich dieses Spiel so lange versteckt hatte. Es KANN einfach nicht gut enden, wenn man es mit Kindern-für die diese Bildervariante ja eigens gemacht ist -spielt! Das Konzept ist völlig absurd! Meine Jüngere (gerade 4) ist völlig ausgeflippt, als die Größere sie das erste Mal rauswarf und hat alle Figuren weggefegt, was natürlich die Große zum Heulen und Kreischen brachte. Es brach die Hölle los, die Kleine kniff die Große mit aller Kraft, mein Trommelfell platzte fast, dann musste ich auch noch der Kleinen mal wieder erklären, dass kneifen nicht geht und konnte mich also nicht einfach zurückziehen vom Streit… danke, echt, Spieleerfinder! Tolles Spiel! Toller Nachmittag! Und ich weiß noch, wer es uns geschenkt hat… Auf die Idee mit dem Sekt dabei bin ich noch nicht gekommen – da sieht man, dass Du einfach mit mehr Wassern gewaschen bist als ich;-)! Aber im Ernst, ich werde es nie wieder rausholen. Musste aber jedenfalls sehr lachen über unser geteiltes Leid – also vielen Dank für Deinen lustigen Report!

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