„Du nervst mich!“

„Ja, ich mache das GLEICH.“

Na Hand aufs Herz, wer hat so einen Satz oder Ähnliches schon mal zum eigenen Kind gesagt? Also ich auf jeden Fall. Das passiert vor allem in Momenten, wenn ich gerade 5 Dinge gleichzeitig tue oder ein Missgeschick beseitige, oder mich konzentrieren muss und das Kind wiederholt bitte, kurz zu warten, weil ich gerade nicht zuhören oder mich der Situation widmen kann.

Mir klingeln die Ohren und ich fühle mich hilflos. Vielleicht ist es auch in dem Moment Überforderung. Das Kind versteht nicht, dass es gerade nicht passt. Und dann zische ich es an. Für einen kurzen Moment ist Ruhe, aber besser geht es mir nicht und das Kind ist auch unglücklich. Steht es ja immer noch da und will was von mir und ich bin genervt von mir selbst, von der Situation.

Von einem Kind kann ich natürlich nicht das Verständnis erwarten, wie einem Erwachsenen gegenüber. Die Situation bei Kindern ist immer dringend. Sie kommen an und wollen in diesem Moment meine Aufmerksamkeit. Sie sehen nicht, ob es grad ein passender Moment ist. Das permanente Wiederholen der Frage oder des Wunsches treibt mich in den Wahnsinn, ist für sie nur das Drängen, ihr Anliegen endlich vorzubringen.

Natürlich nervt mich nicht das Kind in diesem Moment, sondern alles drumherum. Ich würde gern das Chaos beseitigen und mich danach dem Kind widmen. Ich ärgere mich über das zerbrochene Glas oder über das Rumspringen auf dem Sofa. Immer und immer wieder. Und immer sagt man es. Bittet darum, aufzupassen, das Sofa vernünftig zu benutzen. Und in manchen Sekunden ist es dann einmal Hüpfen zu viel. Zerlegt das andere Kind grad die Einrichtung, während man doch nur möchte, dass kurz Ruhe ist und mal irgendwer hört. Und zack, ist er gesagt, der Satz. „DU nervst!“

Ich ärgere mich darüber. Manchmal kann ich nicht zwei Minuten später direkt mit dem Kind reden. Dann gehe ich kurz in ein anderes Zimmer oder widme mich einer anderen Aufgabe. Ich kann nicht immer so beherrscht sein und allen in der Situation gerecht werden oder meine Prioritäten so umsetzen, wie ich möchte und trotzdem zum hundertsten Mal das Kind freundlich bitten, das Gekleckerte aufzuwischen.

Ebenso ist „Gleich!“ auch nur eine Rettung für etwas mehr Zeit, weil man keine Lust oder genügend Aufmerksamkeit für ein jetzt sofort erübrigen kann. Dabei ist es ein blödes Wort und was soll ein Kind schon damit anfangen? Es hat kein Gefühl für Zeit und bei diesem Wort habe ich das auch nicht. Es kann ja sein, dass derjenige nur schnell etwas zu Ende bringen will und plötzlich so vertieft ist, dass aus „gleich“ eine Stunde wird. Ja man kann dem Kind vermitteln, dass es jetzt in diesem Moment nicht geht. Aber es ist weitaus hilfreicher zu sagen, was man jetzt noch macht, bevor man sich dann zu 100 % dem Kind widmet.

Hat ja niemand behauptet, dass Elternschaft leicht ist. Wir Erwachsenen können mit solchen Sätzen einfach besser umgehen, beschäftigen uns eben anders in der Zwischenzeit. Aber auch wir nehmen es persönlich, wenn jemand uns anfaucht, dass wir nerven und sind selbst gereizt, wenn unser Gegenüber schlecht gelaunt ist und uns das spüren lässt. Aber wir können im Miteinander meist etwas besser damit umgehen und wissen in der Situation, dass der andere gerade überfordert ist und das nicht an uns persönlich liegt.

Ich weiß, es ist nicht immer leicht, auf alles zu achten. Immer richtig zu reagieren und schnell noch tief ein- und auszuatmen, statt das Kind, was so dringend etwas möchte, mit einem „gleich!“ auszubremsen. Auch wenn wir wissen, dass das Kind selbst uns nicht nervt, sondern die Situation in der wir uns befinden, so rutscht der Satz vielleicht doch raus. Aber man kann es üben. Und stattdessen sagen: „Das nervt!“ Dann geht es mir auch schon besser, ein wenig Frust ist raus, das Kind spürt vielleicht, dass der Zeitpunkt grad unpassend ist und sieht vielleicht, dass wir mit der Situation überfordert sind. Vielleicht auch nicht. Ist ja ein Kind. Das muss es auch nicht verstehen. Aber es ist okay, dass wir unsere Grenzen zeigen. Dass wir uns grad nicht auf das Kind konzentrieren können. Es sei denn es steht in Flammen oder hat sich den Finger abgeschnitten, klar ne.

Manchmal sage ich auch einfach laut „Scheiße!“ und höre fast immer, dass man das nicht sagt. Gut erzogen sind sie ja. Ich finde dieses Wort aber nicht schlimm, weil man sich wirklich manchmal einfach so richtig ärgert. Und manchmal ist dann alles scheiße. Und wenn die Luft raus ist, das kaputte Glas aufgesammelt, das umgeschüttete Müsli weggewischt und das Kind nach 10facher Wiederholung endlich eine Antwort auf seine Frage bekommen hat, dann kann man noch mal ruhig erklären, was grad los war.

Ganz oft ändern kleine Worte alles. Nicht DU nervst, sondern DAS nervt mich grad. Die Situation, nicht das Kind. Statt „gleich“ kann man auch sagen, dass man nur noch diese Seite zu Ende liest und dann sofort für das Kind da ist. Und manchmal, da hilft ein Wort wie „Scheiße!“ viel mehr, also 5 minütiges Rummotzen, in dem dann lauter „DU“Sätze raus rutschen. Und da wir alle Menschen sind, die manchmal zu wenig schlafen, zu viele schlecht gelaunte Menschen am Tag getroffen haben und selbst ein paar Aufgaben nicht gut gelöst haben, wird es sicher nicht immer vermeidbar sein, richtig zu reagieren. Und wir hatten das Thema hier schon oft: Was wichtig ist, ist drüber reden. Dem Kind signalisieren, dass es nicht Schuld ist. Und wenn das „gleich“ um ist, sich auch wirklich dem Kind widmen und ihm die volle Aufmerksamkeit gönnen. Dann klappt das schon mit dem liebevollen Miteinander. Auch wenn der Ton manchmal ungeduldig und rau ist. Wir können jeden Tag versuchen, draus zu lernen und mehr Sätze verwenden, die etwas friedlicher sind.

Wie löst ihr Situationen, in denen euch alles zu viel wird und dann das Kind mit einem dringenden Wunsch zu euch kommt?

 

Author

Seit 2011 bin ich in die Welt der Mütter aufgenommen. Mittlerweile habe ich 3 Töchter. Hier schreibt keine "typische" Mutter, die Haushalt und Familie mit links schmeißt, Modelmaße hat und nebenbei locker eine Karriere wuppt. Ich finde es okay, auch mal zu sagen "Ich bin müde! Der Mann nervt! Wir streiten öfter! Nein, ich backe, bastel und singe nicht 24 Stunden am Tag! Ja, ich mag Fast Food und ein Schnäpschen zwischendurch!" Aber auch die schönen Dinge kommen nicht zu kurz. Süße Sachen die ich im Netz finde, hilfreiche Tipps, anderes Lesenswerte und ganz viel ♥

7 Comments

  1. Vielen dank für deinen Bericht.
    Es tut gut auch mal zu sehen/lesen das bei anderen auch nicht alles perfekt läuft. Ich habe bei uns im Umfeld oft das Gefühl das wir die einzigen sind wo nicht alles nach dem Bilderbuch funktioniert.
    Unsere Gesamtsituation ist grade nicht einfach was man leider merkt und die nerven nicht so stabil sind wie normal. Wenn dann der arme ausgelaugt Mann von der Arbeit kommt und man dann nur noch hört lass das hör hauf usw gibt einem abends dann voll den Rest, und wenn der kleine dann beim ins Bett gehen noch 50 mal trinken will oder 50 mal „mama draußen dunkel“ kommt reist leider das ein oder andere geduldsfädchen trotz großer Bemühungen.
    Danke für diesen aufmunternden Text.


    • Wir kennen das ALLE. Die bilderbuchfamilie gibt es nicht. Auch nicht hinter irgendwelchen perfekten Blogs. Die Zeugen es nur nicht. ❤

  2. Hallo,
    Ich habe dein Post gelesen und mich selbst darin gefunden. Ich habe drei Kinder (5-3-fast 2) und ich bin abends erledigt. Bei mir bekommt auch die Große viele bissige Reaktionen, weil sie die beiden Jungs mit fangenspielen, auf dem Sofa springen usw aufdreht, wenn ich einen bettfertig mache, deht sie den anderen auf. Da rutschen mir auch öfter „DU“ Sätze raus. Ich versuche ab jetzt auch mal die Situation als stressig zu sehen und nicht die Kinder. Du hast Recht, es liegt eigentlich immer nur an der Ansichtsweise. Ich erkläre meiner Tochter jedoch schon, wieso mich das aufregt aber mit diesen Aussagen habe ich sie trotzdem „gehauen“, was eine gute Nachtruhe dann auch noch beeinflusst….
    Ich werde mal versuchen mich anders auszudrücken.

    • Wir kennen solche Situationen ja alle und wie oft raunzt man den Mann an, der abends von der Arbeit kommt und eine vermeidlich blöde Frage stellt, während man selbst total ko in den Seilen hängt. Diese „Du“ Sätze rutschen sicher trotzdem noch raus, aber wenn man sie ab und zu mal ersetzt oder einfach laut „Scheiße“ ruft, ist ja schon viel getan. 😉 Alles Liebe für dich und deine Rasselbande.

  3. Ich bin gerade über deinen Text gestolpert! Vielen Dank! Mir geht es schön längers so das mich Kinder, Mann und neu Hund nervt. Und leiden tut die erste Tochter, weil ich es leider zu oft an ihr auslasse. Ich werde jetzt noch mehr versuchen anders mit ihr zu reden! Und sie ganz fest umarmen weil sie das einfach mehr braucht als andere!

    • Umarmen kann man nie genug. Und wie ich ja schrieb, sind wir alle nicht frei von Fehlern. Ist doch super, dass du es erkannt hast. Liebe Grüße!

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