Nicht erst seit Kurzem lese ich über Attachment Parenting, bedürfnisorientierte Erziehung in der Familie. Als sei es ein Trend, dabei ist es das nicht. Aber es ist in aller Munde und wird streckenweise als DIE Methode gesehen, seine Kinder zu begleiten. Von Erziehung spricht ja eh kaum noch einer.

Nun scheint es, sehr pauschal zusammen gefasst, zwei Gruppen zu geben: Die, die diese Richtung leben und die, die sich unter Druck gesetzt und überfordert fühlen. Das Interessante ist, die eine „Gruppe“ macht der Anderen „gern“ Vorwürfe. Man hätte den Ansatz nicht verstanden, wenn man sich überfordert fühlt. Man denke nur in Klischees und gäbe der Attachment Parenting Richtung keine Chance. Die andere Seite wiederum fühlt sich als schlechtes Elternteil, wenn es nicht bedürfnisorientiert genug agiert. Grob zusammen gefasst. Ihr versteht. Was schade ist, denn AP ist so viel mehr und viele Ideen und Gedanken finde ich sehr schön.

Wertfreie Artikel sorgen für weniger Spannungen

Was ich nicht verstehe, egal ob Attachment Parenting, oder eine andere Richtung, warum Befürworter und Gegner nicht einfach die jeweils andere Seite machen lassen können, wie sie wollen. Der Druck, den manche Eltern verspüren kommt doch nicht von ungefähr. Wären Artikel über bedürfnisorientiertes Handeln wertfrei, ohne versteckten, erhobenen Zeigefinger, würden sich Eltern nicht unter Druck gesetzt fühlen, dann hätten sie kein schlechtes Gewissen, oder fühlten sich gar als Versager. Man kann ihnen natürlich vorwerfen: „Selbst Schuld! Machst´n dir auch so´nen Druck?!“ aber ich finde das zu einfach, denn jeder interpretiert und liest Texte anders und wenn Leser das Gefühl haben, sie werden bevormundet oder in ihrer Elternschaft kritisiert, muss man mal hinterfragen woher das kommt.

Nach all den Jahren, in denen ich kein Profi in Kleinkindpädagogik bin, in denen ich nicht weiß, wer führend auf den Gebieten ist, in denen ich aber Kinder habe, viele Artikel lese und mit anderen Eltern rede, fällt mir eins auf: Sich für einen Weg zu entscheiden und diesen zu gehen, ist hoch emotional und auch intim. Auch dank des Internets und Artikel über Attachment Parenting, Nicht-Erziehung, etc. wird unser Weg ständig hinterfragt. Wir lesen etwas und denken: „Oh, das mache ich so gar nicht. Was nun?“

Meist steht in den Artikeln, was diese oder jene Erziehung mit den Kindern macht, welche Konsequenzen das Handeln haben kann. Und wenn wir uns nun für einen anderen Weg entschieden haben, der irrwitzigerweise für unsere Familie perfekt passt, dann vergessen wir dies für einen kurzen Moment und fühlen uns verunsichert. Und ich denke, das ist menschlich. Und hat nichts damit zu tun, ob man einen Ansatz verstanden hat oder nicht. Denn keiner weiß, wie das mit den Kindern wirklich funktioniert. Man kann Richtungen Namen geben und untersuchen, welche Auswirkungen Handlungen haben können. Aber jedes Kind und jede Familie sind verschieden. Nicht jedes Modell passt zu hundert Prozent zur jeweiligen Situation.

Manchmal ist das Bauchgefühl der beste Ratgeber

Es ist gut und richtig, den eigenen Weg zu hinterfragen. Aber mehr sollten diese Artikel nicht tun. Ist es ein guter Ansatz, vielleicht die Lösung eines Problems? Wunderbar. Passt es nicht auf uns und unsere Situation, sollten wir es genau so annehmen und auf unser Bauchgefühl vertrauen, statt auf einen Blogartikel oder Sonstiges. Wir müssen nicht den Anderen erklären, dass sie uns ein schlechtes Gewissen machen und wir uns als Versager fühlen. Diese Artikel sollten auf der anderen Seite manchmal auch etwas weniger dogmatisch sein, eher als Vorschlag gedacht sein, denn als: „So ist es richtig!“

Wir sind die besten Eltern für unsere Kinder. Dafür brauche ich persönlich keine Richtung oder einen Erziehungsansatz, der mir sagt, was richtig ist, auch wenn dieser Ansatz vielleicht gerade populär ist. Wenn ich ihn nicht umsetzen kann und es darin endet, dass ich unglücklich bin, projiziere ich das auf diejenigen, die diesen Ansatz scheinbar erfolgreich umsetzen. Aber immer dran denken, wir wissen es gar nicht. Nirgends läuft es immer harmonisch. Niemand lebt einen Erziehungsstil perfekt. Wir können alle nur jeden Tag unseren Weg Schritt für Schritt gehen und uns neu entscheiden und hinterfragen. Uns inspirieren lassen von Erfahrungen Anderer. Sie annehmen oder eben nicht. Aber vor allem sollten wir in erster Linie unserem Bauchgefühl und unserem Herzen trauen. Auf unsere kleine Familie schauen und was ihr gut tut, statt zu gucken, ob es in ein Schema passt, ob es AP-tauglich ist, oder nicht-erzogen.

Ich muss niemandem etwas beweisen, wie bedürfnisorientiert wir sind. Ob ich meine Kinder nicht erziehe. Oder doch. Ich lasse mich auch hin und wieder verunsichern und das schlechte Gewissen wird lauter. Aber nach über 6 Jahren und drei Kindern, wird zum Glück das Bauchgefühl schnell so laut, dass das schlechte Gewissen keine Chance hat. Und dann muss ich auch niemandem vorwerfen, dass ich mich schlecht fühle als Mutter, weil ich etwas gelesen habe, was ich nicht mache.

Also hört lieber einmal mehr auf euch selbst und klickt Texte weg wenn sie euch auf eurem Weg nicht weiter bringen. Dann passen sie eben nicht, egal ob Trend oder nicht. Denn die komischen Buffalo Schuhe waren auch mal Trend, hübsch fand ich sie trotzdem nicht und hab sie nicht gekauft.

Author

Seit 2011 bin ich in die Welt der Mütter aufgenommen. Mittlerweile habe ich 3 Töchter. Hier schreibt keine "typische" Mutter, die Haushalt und Familie mit links schmeißt, Modelmaße hat und nebenbei locker eine Karriere wuppt. Ich finde es okay, auch mal zu sagen "Ich bin müde! Der Mann nervt! Wir streiten öfter! Nein, ich backe, bastel und singe nicht 24 Stunden am Tag! Ja, ich mag Fast Food und ein Schnäpschen zwischendurch!" Aber auch die schönen Dinge kommen nicht zu kurz. Süße Sachen die ich im Netz finde, hilfreiche Tipps, anderes Lesenswerte und ganz viel ♥

14 Comments

  1. Wow super Artikel!

    Deshalb lese ich hier so gerne! Ich kann euch ebenfalls baby-fieber empfehlen!

    Einen wunderschönen Abend

    Susi

  2. Genau so ist es, liebe Jette!

    Ein sehr schöner Artikel, der zum Nach- und vllt auch Umdenken anregt. Nämlich in der Richtung, sich zukünftig weniger von anderen als vielmehr von sich selbst leiten zu lassen. Ich denke nämlich auch, dass wir Eltern – Mamas wie Papas – mit ner guten Portion Intuition ausgestattet wurden.

    Liebe Grüße Finja

  3. Leandra Vogt Reply

    Was wir ein großartiger, inspirierender Text!
    Ich stimme dir absolut zu! Die Intuition einer Mutter hat immer recht. Ich erlebe es leider oft, dass Mamas aus den verschiedensten Gründen (sei es Stress, Zeitmangel, Gesellschaftlicher Druck) verlernt haben, auf ihre Intuition zu hören.
    Hier, denke ich, kann es eine Hilfe sein, ein wenig in die verschiedenen Ansätze und Angebote reinzulesen – einfach so um Unterstützung zu finden und um zu entdecken, dass die kleine leise Stimme aus dem Bauch doch recht hatte 🙂

  4. Pingback: … und wenn es der Mutter schlecht geht? – aufZehenspitzen

  5. Liebe Jette,

    1. Ich hatte auch keine Buffalos :).
    2. Genau wegen dieser Einstellung lese ich deinen Blog so gerne. Man bekommt einen Eindruck von einem normalem Familienleben. Ich erkenne oft meine eigene Kindheit bei euch wieder. Da ich mich gerne an früher zurück erinnere, versuche ich vieles bei meinen 3 Kindern genauso zu machen. Ich wurde letztens von einer anderen Mutter gefragt, nach welcher Erziehungsmethode ich denn meine Kinder erziehe. Meine Antwort: Nach Bauch, Gefühl und Herz.

    Mach weiter so, Denn Erziehung und Familie muss nicht unbedingt ein Studienfach werden.

    Liebe Grüße
    Tabea (AnMoMi Blog)

  6. Da ich es schade finde, dass es überhaupt „notwendig“ ist zum Thema „Erziehung“ so viele Worte (in Blogs, Insta-Posts, etc) zu verlieren und in den Kommentaren hier eh schon alles gesagt wurde, was ich denke, spare ich mir meinen Senf.
    Aber eins muss ich nach diesem Artikel nochmal ganz besonders betonen:
    Liebe Jette, du bist einfach ne Charakter-Granate! ????
    Liebe Grüße, Annika

  7. Deswegen lese ich hier so gerne, weil du deinen Weg beschreibst und ich mal sagen kann „ja, genauso geht es mir auch!“ Und mal sagen kann „das ist bei uns ganz anders“ ohne das Gefühl deswegen hier nicht mehr richtig zu sein! Danke dafür!

    • Ja das versuche ich zumindest immer. Dass man es liest und entweder passt es oder nicht. Aber man sollte nie ein schlechtes Gewissen haben, wenn man einen Text liest. Freut mich, dass es mir gelingt. Danke für dieses schöne Feedback.

  8. auch mal Schreimama Reply

    Hallo,

    ich finde es auch immer nervig, wenn man allem einen Namen geben muss. Kann ich nicht einfach für mich festlegen, was mir wichtig ist und das versuchen durchzuziehen, ob das jetzt AP heißt oder bedürfnisorientiet oder unerzogen oder ein bisschen was von allem enthält ist doch egal. Das Ergebnis zählt, nämlich, dass meine Familie damit glücklich ist und ich mich nicht verbiegen muss.

    Liebe Grüße
    von einer nicht zuckerfreien, eher erziehenden, die Bedürfnisse meiner Kinder achtenden und trotzdem mal einen Schrei loslassenden Mama, deren Kinder natürlich ganz objektiv betrachtet 😉 ganz gut „geraten“ sind.

    • Hahahaha. Da sind wir beide ja von der gleichen Erziehungsrichtung. Klingt auch viel besser als AP oder nicht-erziehen ????

  9. Liebe Jette, genau wegen dieser Grundhaltung verfolge ich euren Weg so gerne. Diese Lockerheit und Liebe zum Familienleben. Daumen hoch für diesen Artikel, in der Hoffnung, dass die Gesellschaft wieder lockerer wird und nicht jeder meint, seinen Weg missionieren zu müssen.
    Liebste Grüße, Christina

  10. Liebe Jette, super Artikel. Ich finde, das wichtigste ist, dass wir uns ALLE (Mütter, Väter, Omas, Opas, Kinderlose etc) mal ein wenig locker machen und den Druck rausnehmen sollten. Ich möchte weder für meine Erziehung/Nicht-Erziehung angegriffen oder verurteilt werden, noch nehme ich mir das bei anderen heraus. Jede Familie ist anders. Und sobald etwas einen ideologischen Touch bekommt, bin ich eh immer sofort weg. Das gilt auch für AP, obwohl ich an sich eine große Anhängerin der Grundidee bin. Liebe Grüße, Vanessa 🙂

  11. Danke! Endlich! Ich unterschreibe alles.
    Ich finde AP in seinen Grundsätzen auch gut, so ist das nicht. Aber es muss eben für die jeweilige Familie auch lebbar sein. Und es gibt Dinge, die waren und sind bei uns nicht umsetzbar. Das ist okay so.
    Was mich immer im Leben stört, sind Extreme. Weil sie so oft mit einem schrecklichen Dogmatismus daher kommen. Das muss aber nicht sein und ich denke, so ist AP auch nicht gedacht. Wer AP lebt und das als große Frustration empfindet, der sollte sich nicht unter Druck gesetzt fühlen, sondern vielmehr überlegen: Welche Ansätze passen zu mir, wenn mir AP gefällt? Welche kann ich umsetzen? Welche sind gut für unsere Familie?
    So, das war jetzt der letzte Artikel, den ich zum Thema gelesen habe. 🙂 Aber ein guter Abschluss!

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