Eher beiläufig erwähnte ich neulich, dass ich nicht schlafen konnte, weil mich eine Panikattacke überrollte. Viele Kommentare später auf Facebook stellte ich fest, dass es scheinbar sehr vielen Menschen so geht und sie von Ängsten geplagt sind. Drum habe ich mir gedacht, meine Gedanken aufzuschreiben und wie ich versuche damit umzugehen. Ich bin kein Arzt, verwende vielleicht falsche Begriffe, habe es nicht annähernd so schlimm wie Andere. Aber wenn eben Leser nach dem Text denken, okay ich bin nicht allein, ich bin vor allem nicht bekloppt und jetzt versuche ich das Thema anzugehen, umso besser.

Nach meinem Krankenhausaufenthalt, der etwas schief lief, fing alles an. Ich hatte plötzlich vermehrt Angst. Um meine Kinder, dass der Mann stirbt, dass ich plötzlich sterbe. Ich malte mir das sehr detailliert aus, wie ich am Grab stehe, wie ich alles organisiere… Solche Gedanken sind unglaublich kraftraubend, weil sie nicht real greifbar sind. Keiner ist ernsthaft krank, aber was, wenn ich einfach umfalle, die Kinder überfahren werden… eben Dinge passieren, die ich nicht beeinflussen kann. In sowas kann ich mich wunderbar rein steigern. Das ist aber nicht das Schlimmste.

Viel schlimmer ist das Umfeld. Im weitesten Sinne. Eine zeitlang wurde mir auf Facebook sehr viel zum Thema Kinderhospiz in die Timeline gespült, Spendenaufrufe für totkranke Kinder. Dazu dann Nachrichten von einer Frau, die unheilbar krank ist und entscheidet zu sterben, von einem Moderator, der einfach tot umfällt… Das alles trudelt halbwegs ungefiltert auf mich ein und sorgt für große Probleme. Tagsüber bin ich halbwegs abgelenkt, bekomme aber schon ein beklemmendes Gefühl, bin matt, niedergeschlagen, unbegründet traurig, habe ein schweres Herz, grübele, was sie wohl gedacht hatte als sie wusste, der Tag ist gekommen, ob er was gemerkt hat, wie es seiner Familie geht… Aber ich bin abgelenkt durch den Alltag, alles brodelt eher unterschwellig. Schlimm ist es in ruhigen Momenten, vor allem wenn das Licht aus ist und ich nicht einschlafen kann. Schwitzige Hände, Herzrasen, Gedankenrasen, Angst, sehr viel Angst. Mir wird flau, das Herz rast, die Gedanken überschlagen sich: Was wenn ich jetzt sterbe? Merke ich das? Wie geht das ohne mich weiter? Ich muss dem Mann die Passwörter geben. Wie nehmen das die Kinder auf? Anderen passiert das auch. Die Bekannte hat doch den Tumor im Kopf, vielleicht erklärt das diese wiederkehrenden Kopfschmerzen. Der Moderator starb einfach an Herzversagen, so jung und gesund. Tat mir das nicht neulich auch weh? Ignoriere ich erste Anzeichen? Was wenn mir der Arzt sagt, wären Sie mal ein halbes Jahr eher gekommen…… Mir wird kalt, mir wird heiß. Ich will hier weg. Soll ich ins Krankenhaus fahren und ein MRT machen lassen? Die halten mich für verrückt. Ich bin verrückt. Reiß dich zusammen! Du stirbst jetzt nicht. Und wenn. Es ist sicher wie Einschlafen. Das merkt man auch nicht. Atme! Werd jetzt ruhig. Aber…!! Herzrasen…

So in etwa. Das kostet unglaublich viel Energie. Das macht einen verrückt. Wer will solche Gedanken schon? Was ich also tue: Ich versuche, solche Nachrichten nicht zu lesen, wegzuschalten im TV, abzublocken. Mein näheres Umfeld weiß, dass sie mir solche Nachrichten nicht unvermittelt mitteilen können. Egal ob ich die Person kenne oder nicht, es würde mich einfach nicht mehr los lassen und endet schlimmstenfalls in dieser Angstattacke. Nach einer solchen Nachricht geht es mir ca 2 Wochen schlecht. Dann erst kehrt Ruhe ein. Ich kann mich natürlich nicht einigeln, das Internet löschen etc. Ich kann es eben versuchen zu filtern, mein Umfeld zu sensibilisieren. Ich habe eine Verhaltenstherapie gemacht und gelernt, wie ich mit der Angst umgehe, bzw. wie ich mich verhalte um es zu stoppen. Aufstehen hilft und weggehen. Laut sagen: „Halt! Stopp! Jetzt nicht!“ Mich ablenken. Auf anderes konzentrieren. Mich an den schlafenden Mann kuscheln und seinem Atem folgen. Ich wünschte, mir wäre das damals im Krankenhaus nicht passiert. Ich weiß, die Ängste sind unbegründet, nicht begreifbar. Es gibt nichts, was ich dagegen tun könnte, dagegen dass jemand stirbt. Aber diese Argumente helfen nicht in der Angst. In der Angst sitze ich in einer Unterhaltung und denke: Irgendwann sterben wir hier alle einfach. Sind nicht mehr da. Ob du dann ein schönes Leben hattest? Ob es okay ist zu gehen? Wie du wohl gehen wirst? 

Das kann man kaum verstehen. Es gibt kein Zaubermittel oder einen Schalter. Ich habe es noch nicht gefunden. Ich habe diesen Knacks im Hirn akzeptiert. Er wird wohl nicht mehr weggehen. Ich akzeptiere, dass manchmal einfach nichts mehr geht. Dass in der Sonne sitzen wichtiger ist, als aufzuräumen. Ich versuche gesund zu bleiben aber zu genießen. Ich lasse mich nicht davon vereinnahmen, ich gehe zum Arzt und erzähle alles. Egal wie bescheuert es klingt. „Hallo ich habe so einen stechenden Schmerz am Hinterkopf und mein Ohr wird so warm. Ist das ein Tumor?“ Aber egal wie bekloppt es für Außenstehende klingt, mir geht es nicht gut und das kann nicht so sein. Nicht die nächsten 50 Jahre, die ich mindestens noch leben will. Ich war schon auf Kur und werde wieder eine beantragen. Alle zwei Jahre darf man eine neue Therapie machen und das werde ich auch nutzen. Ich bekam den Tipp, wenn das Herzrasen los geht oder man andere Anzeichen für eine beginnende Panik- oder Angstattacke bekommt, Rescue Tropfen zu nehmen. Damit man die S-Bahnfahrt zu Ende führen kann ohne zu grübeln ob gleich was explodiert und man in Panik gerät. Die werde ich mir holen. Das beruhigt. Zum Neurologen gehe ich auch. Er wird nichts finden, aber ich weiß es dann und muss es mir nicht einreden, dass alles gut ist und ständig „aber“ denken.

Liebe Leute, ich kann nur sagen: Holt euch Hilfe. Es ist nicht peinlich. Findet die Auslöser und kämpft dagegen an. Wenn Freunde sich trauen darüber zu reden, dann hört zu und tut es nicht ab mit: Das ist doch albern! Ist es nicht. Es ist furchtbar. Es lähmt und man ist hilflos. 

Es ist für mich okay darüber zu schreiben. Es ist mir nicht peinlich, es macht mich nicht komplett aus. Diese Angstattacken begleiten mich hin und wieder und wie ich merkte, geht es vielen Anderen auch so. Denkt bloß nicht, das ist peinlich oder bescheuert. Ist es nicht. Wer weiß was der Körper einem sagen will. Das Leben ist schön. Ich weiß das 90% des Tages. Und die dunklen 10% die manchmal hoch kommen, die bekomme ich in den Griff und nicht umgedreht.

Passt auf euch auf.
Eure Jette