Erst gestern wurde mir mal wieder erschreckend bewusst, wie sehr Rücksichtnahme und Höflichkeit vergangene Eigenschaften geworden sind. Meist hört man dann sowas wie: In der heutigen, hektischen Zeit bleibt kein Platz mehr für sowas. Naja, das Miteinander macht bei allem Fortschritt nun mal das Meiste unserer Zeit aus. 

Traurig finde ich, dass vor allem Männer scheinbar ihre guten Manieren vergessen haben in der Evolution. Oder brennt ihnen das Wort „Emanzipation“ zu sehr im Ohr, dass sie denken, die Frau mit dem Kinderwagen, dem zottelnden Kind an der Hand und den Einkäufen schafft die Treppe auch allein? Am Bahnhof passiert jedes Mal das Gleiche: Der Zug hält, alle rennen panisch den Türen hinterher, schubsen, drängeln. Sehen sie dann, dass jemand mit Kinderwagen Richtung Tür steuert, wird sich mit Biegen und Brechen vorbei gedrängt. Der Knaller war ein Mann, der in den ICE sprang, Marlene bei Seite stieß und sich nichtmal umdrehte, um mit dem Kinderwagen zu helfen. Mit einer Entschuldigung rechnete ich gar nicht. Eine Frau half mir dann. 

Gestern lief ich mit Kinderwagen, zwei Kindern und vollen Tüten Richtung Ausgang. Ein Mann öffnet die Tür, dreht sich um, sieht mich, lässt die Tür los und geht weiter. Danke. Dauert nur 5 Sekunden. Wir sind schnell. Aber die waren wohl überlebenswichtig.

Beim Bäcker geh ich raus, eine Horde junger Mädchen vor mir und die Letzte knallt mit Schwung die Tür zu, so dass ich Flori in letzter Sekunde zurück ziehen musste, damit sie nicht dazwischen landet. Und ja, auch sie hat mich gesehen.

Kommen wir zum gestrigen Highlight: Martinsumzug. Hier im Prenzlauer Berg werden immer viele Menschen erwartet, so war es auch gestern. Man weiß das eigentlich vorher, spätestens am Treffpunkt wird es einem klar. Was ich nicht verstehe: Eltern, die mit ihren Kindern an allen vorbei rennen, dabei schubsen, Kinder übern Haufen rennen, an Laternen hängen bleiben, auf Füße treten…. Für was? Um am Feuer erste zu sein. Dann geht doch direkt dort hin. Passt doch ansonsten bitte etwas auf. Beim Feuer dann ein Phänomen: Einige Kinder schaffen es bis an die Absperrung und freuen sich über das lodernde Feuer. Direkt dahinter stehen aber die Erwachsenen. Nach mir die Sintflut. Einen Schritt zurück gehen, damit noch mehr Kinder sehen? Warum denn? Mein Kind und ich haben alles im Blick, das zählt. Wo bleibt denn die Umschau, die Rücksichtnahme, das Verständnis? Selbst nach mehrmaligem Bitten, blieb die Mutter hartnäckig, ging nicht mal, so wie viele Andere in die Knie. Es sind eben viele Leute, die wollen alle was sehen. Da muss ich doch nicht noch drauf hinweisen. Eigentlich.


Letztes Beispiel: Videothek. Passt auch für jedes andere Regal. Man steht so davor, mit etwas Abstand um einen Überblick zu gewinnen und es gibt immer Kandidaten, die stellen sich exakt vor einen. Ich bin da sprachlos. Null Gefühl für Nähe, von Rücksicht ganz zu schweigen. In der Videothek lachten die anderen, als mir das passierte und schüttelten die Köpfe. Er bekam nichts mit. Ich quetschte mich dann vor ihn, machte mich groß, sah zwar nichts, aber gut. Dauerte zwei Sekunden, bis er anfing mich von hinten zu treten und bei Seite zu drängeln. Nennt sich „erwachsen“.

Man kann die Leute nicht mehr erziehen, es ist auch müßig sich jedes Mal drüber aufzuregen. Meist nehme ich es mit Humor oder schüttel nur den Kopf. Ganz oft aber verstehe ich es nicht. Jeder freut sich über aufmerksame Menschen, die helfen oder einfach etwas Rücksicht nehmen. Man ist andererseits auch nicht immer so blind, das nicht zu bemerken, wenn man im Weg steht oder es angebracht wäre die Tür zu öffnen. Die Meisten haben es einfach vergessen. Warum eigentlich? Stand in irgend nem Ratgeber vor langer Zeit, dass Höflichkeit out ist? Dass Bitte, Danke und Entschuldigung furchtbare und nutzlose Worte sind, die jegliche Bedeutung verloren haben, weil man es seinen Kindern aufzwängt sie zu benutzen, obwohl die Kleinen es noch nicht verstehen? Ist es uncool nett zu sein?

Grade weil wir immer mehr werden und nicht umhin können, ohne einander zu sein, ist ein bisschen Rücksichtnahme angebracht. Hoffentlich ist die Generation, die jetzt Kinder bekommt, so genervt von diesem Verhalten, dass wieder mehr auf höflicheren Umgang geachtet wird. Man verlernt sowas im Laufe der Zeit nicht. Man ist nur nicht mehr sensibel genug für sein Umfeld. Ellenbogen und Egoismus kommen scheinbar weiter. Man hat es nie so eilig, dass man nicht kurz die Tür aufhalten kann. Es gibt immer einen Platz im ICE und der Zug fährt nicht ohne einen los. Ein nettes Hallo, Danke, Schüssi führt nicht dazu, dass einem die Zunge abbricht, aber die Kassiererin freut sich. Die, so wie alle anderen Menschen, denen man täglich begegnet können nämlich nichts dafür, dass der eigene Tag doof war und man schlechte Laune hat. Er wird aber auch nicht besser, wenn man ihn weiter egoistisch und muffelig verbringt. 

Ja, leider bekommt man nichts Materielles fürs Tür aufhalten, fürs Rücksicht nehmen, fürs Kinder ans Feuer lassen weil man selbst schon in Hunderte gestarrt hat. Man kann sich von all dem kein neues Handy kaufen, bekommt keine Treuepunkte, Wertmarken oder Gutschriften. Man bekommt was viel Wertvolleres: Ein Lächeln. Ein herzliches Danke. Lachende Kinderaugen. Ein schönes Gefühl. Einen guten Moment. Ein klitzekleines bisschen Glück und das Wissen, etwas Gutes getan zu haben, sei es noch so bedeutungslos und klein. Treuemarken fürs Herz. So schnell. So einfach. Wie wunderbar ist das denn?