Fragt sich wer hier für wen gefährlich ist.

Ja, ich bin tättowiert. Nicht nur so ne Rose auf der Schulter oder ein Delfin am Becken, sondern schon groß, bunt und sichtbar. Mein Freund auch. Auch groß, nicht bunt und sichtbar. Im Sommer hat man ja erfahrungsgemäß wenig an. Und schon sind sie sichtbar, die bunten Gemälde. Viele der hier Wohnenden, ehemals Dorfbewohner scheinen selten Leute mit bunter Haut zu sehen. Der Blick wandert oft etwas erschrocken von oben nach unten, rüber zu meinem Freund, alles abchecken und wieder zurück. Der Oberschocker für diese Leute kommt dann, wenn unser Hund um die Ecke biegt. Da muss im Hirn eine wahre Vorurteile-Explosion stattfinden: Oh Gott die beklauen uns bestimmt gleich. Die trinken doch schon morgens ein Sterni. Der Hund hat doch bestimmt schon mehrere Leute tot gebissen und was machen die überhaupt hier in unserem friedlichen Kinder-Bezirk. So oder so ähnlich lassen sich die Blicke interpretieren. Fand ich bisher eher lustig, selten störend. Bis neulich.

Situation eins: Ich sitze in meinem Rückbildungskurs und denke an nichts Böses. Links neben mir sitzen zwei Muttis die in ein Gespräch vertieft waren, in welchem Café man es denn am Besten bei einem Latte Macchiato drei Stunden aushält. Da es sehr warm war, zog ich meinen Pulli aus und saß friedlich auf meiner Matte, bekleidet mit einem Shirt mit schmalen Trägern. Plötzlich verstummte das Gespräch und ich spürte bohrende Blicke meinen Arm hoch und runter wandern. Dann drehte sich die eine zu ihrer Freundin und meinte: Guck mal wie krass die tättowiert ist und DIE hat ein Kind!! Weitere abfällige Blicke in meine Richtung.

Da ich eh unter chronischem Schlafmangel leide und dank meiner Tattoos verpflichtet bin, mich halbwegs daneben zu benehmen, ging ich rüber und fragte sie, was denn ihr Problem sei. Sie war total erschrocken, dass ich ihr nicht wirklich leises Geflüster überhaupt gehört hatte und meinte, sie hätte gar nichts gesagt. Daraufhin bot ich ihr an, dass Jugendamt anzurufen oder wir gehen mal eben vor die Tür und lernen uns besser kennen. Oder sie ist jetzt einfach still und schämt sich für ihre total bekloppte Bemerkung. Peinliches Schweigen.

Frage mich, ob Eltern mit einer Leidenschaft zu Tattoos nicht in der Lage sind, Kinder zu erziehen. Ob das daran liegt, dass früher nur besoffene Seemänner oder Knackis Tattoos hatten?

Situation zwei: Wir gehen spazieren. Nichts ahnend und guter Dinge. Es war noch früh, mein Gehirn funktionierte noch nicht. Da brüllt von Weitem ein Vater: Schnall deine scheiß Töhle an, der ist ne potentielle Gefahr für mein Kind!!!!! Guten Morgen! Nee mach dir keine Sorgen, der Hund hat heut schon zwei Babies verspeist und ist satt. Frag mal lieber was dein Kind für ne Gefahr für meine Nerven ist.

Seit ich schwanger war, wurde unserem Hund unterstellt, übrigens ein schwarzer Labrador, Rudeltiere und Familien freundlich, dass sobald das Baby da ist, dieses treue Schaf sich in eine wilde Bestie verwandelt. Weil die Bild da ja schon oft genug drüber berichtet hat. Das hat wohl auch der panische Vater gelesen. Was ist passiert? Nichts. Desinteresse würd ich das mal nennen. Ist halt da das Baby, kannste nichts machen denkt sich der Hund.

Nun haben wir Sterni-trinkenden Hundebesitzer ein Kind und es ist ganz vorbei. Hätte gar nicht gedacht, dass die oben beschriebenen Mitbürger noch erschrockener gucken können, aber ja können sie. Dachte eigentlich, dass Tattoos und Hunde nicht mehr so ein riesen Thema sind. Gerade in Berlin. Scheinbar doch. Und vor allem mit Kind. Die Kombination geht gar nicht und schreit nach Kindeswohlgefährdung.

Setze meiner Tochter seit diesen Vorfällen gern eine schwarze Mütze auf wenn ich raus gehe. Muss ja das Rebellische in unserer Familie unterstreichen. Habe außerdem immer zwei Sätze parat, passend zur Situation. Erster Satz: Keine Sorge, der Hund ist satt. Wir hatten mal Zwillinge, aber Sie sehen ja selbst….. Zweiter Satz: Hier die Nummer vom Jugendamt. Da rufen wir jetzt beide mal an. Dann sind Sie als aufmerksame Mutter sicher beruhigter. Nun freue ich mich richtig auf einen neuen Spruch. Aber was passiert? Nichts! Gucken zwar immer noch verwirrt, Kinder werden auch panisch in die Luft gerissen wenn der Hund vorbei geht, aber keiner sagt was. Nun los doch. Ich bin bereit! Und noch was: Zu Hause sitzt auch noch eine Katze, gefährliche Bestie!

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Seit 2011 bin ich in die Welt der Mütter aufgenommen. Mittlerweile habe ich 3 Töchter. Hier schreibt keine "typische" Mutter, die Haushalt und Familie mit links schmeißt, Modelmaße hat und nebenbei locker eine Karriere wuppt. Ich finde es okay, auch mal zu sagen "Ich bin müde! Der Mann nervt! Wir streiten öfter! Nein, ich backe, bastel und singe nicht 24 Stunden am Tag! Ja, ich mag Fast Food und ein Schnäpschen zwischendurch!" Aber auch die schönen Dinge kommen nicht zu kurz. Süße Sachen die ich im Netz finde, hilfreiche Tipps, anderes Lesenswerte und ganz viel ♥

12 Comments

  1. grossartig! obergeil! pomfortionöööös! 😀

    ich hab tränen gelacht, grade. dich verfolg ich!

    weitermachen 🙂

    • Hey!
      Danke für diesen tollen Kommentar. Da musste ich auch lachen bei deiner schwungvollen Wortwahl!!

      Vielen Dank und ich mach weiter 😉

  2. Na du traust Dich aber auch was 😉
    Ist ja auch zum Lachen wie schnell man manche Leute schocken kann…

  3. Ich hab auch so manch entsetzte Blicke geerntet – wer spaziert schon im heiligen Land Tirol mit einem Riesen-Tattoo mitten am Babybauch im Schwimmbad rum…
    Meine Freunde haben immer nur noch gelacht, weil ich alle Blicke auf mich zog *g*

  4. Marlene´s Mom Reply

    Na das ist ja erstaunlich, dass eure Tochter so groß geworden ist 😉
    Ach aufregen bringt ja gar nichts, man kann sie weder bekehren noch ihnen zeigen, dass es dem Kind gut geht. Aber man selbst weiß, dass alle glücklich sind und das ist doch die Hauptsache. Außerdem hätt ich doch gar nichts zu schreiben, wenns solche Menachen nicht gäbe. Da kommen sicher noch mehr Stories.

  5. Lach… Willkommen im Club. Uns geht es auch so. Nur wir haben auch noch einen Rottweiler! Also das geht gar nicht. Aber inzwischen ist unsere Tochter zwei Jahre und erspart mir jeden Komentar, wenn sie mit unserem Hund an der Leine neben mir läuft und zu den grimmig guckenden Menschen fröhlich Hallo sagt und mich glücklich anstrahlt. Was für ein Schock für diese Leute, unser Kind ist glücklich und auch noch gut erzogen. und das bei diesen Eltern mit dem "Kampfhund". Also reg dich nicht auf und lebt euer Leben wie ihr wollt. Geht schließlich niemand etwas an!

  6. Da hast du sowas von recht! Ich mach mich ja auch ein bisschen lustig in meinem blog über so einige Klischees der prenzlberger Mutter aber mit nem zwinkernden Auge. Dass was man aber erlebt nur weil man tattowiert ist, ist streckenweise nicht witzig. Aber sich über bunte Menschen aufzuregen ist wohl leichter als tatsächlich mal hinzuschauen wo es wirklich sinnvoll wäre. Da bleibt einem nur ein blog drüber zu schreiben. 😉
    danke für den super Kommentar!

  7. Ist schon traurig wie die Menschen mit Vorurteilen um sich werfen nur weil man etwas Tinte unter der Haut hat. Egal wo man is, es wird immer welche geben die ihre Maeuler nicht halten koennen. Dabei sollten sie mal lieber auf die Leute gucken, die wirklich nix auf die Reihe kriegen, die sich taeglich saufen, nix auf Hygiene bei sich und ihrem Kind setzen und dieses vor versammelter Mannschaft anschreien und umherr zerren, aber bei sowas sind die Leute taub, blind und stumm weil sie Angst haben wenn sie etwas sagen, dass sie dann evtl auch noch eine verpasst kriegen. Verkorkste Gesellschaft.

  8. da kann man den friedrichshain und prenzlauer berg auch nicht vergleichen. bestes beispiel: im f-hain gibts zur fete de la musique rock und punk musik und randale, im p-berg bekommen die meisten bühnen verbot wegen beschwerden auf grund von lärmbelästigung, stattdessen gabs kinderbühnen. das sagt doch alles.
    steffi

  9. hallo hanni! dann komm doch mal hier hoch in den prenzlauer berg und schlender mal am kollwitzplatz vorbei. da denkste nämlich, die meisten haben noch nie bunte menschen gesehen. ist ziemlich spießig hier geworden. u leider sind die stories auch tatsächlich passiert. ich war auch perplex über so viel verklemmtheit.

  10. Wo wohnst du denn? Im Kindergarten (Fhain) meines Neffen treffe ich regelmäßig tättowierte Eltern oder solche die bunte Haare haben und eher Richtung Gruft gekleidet sind und auch auf der Straße sehen die Eltern eher Alternativ aus und da schaut keiner doof.

  11. boah, man ey. und das im ach so toleranten berlin. unglaublich! da wär ich zu höchstformen aufgelaufen und hätte erst recht provozieren müssen. aber wahrscheinlich hätte man dir in der provinz umgehend das jugendamt auf den hals gehetzt. tättowierte KÖNNEN sich ja gar nich vernünftig um kinder kümmern. und dann auch noch mit kampfhund. tz tz

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