Die Hebamme wiegt Marlene

Wenn man schwanger ist beginnt die lustige Suche nach einer geeigneten Hebamme. Schließlich begleitet sie einen durch die Schwangerschaft, macht den Vorbereitungs- und Rückbildungskurs und muss einen als seelisches Wrack die ersten Wochen nach der Geburt ertragen.

Dazu ein kleiner Exkurs um die Bedeutung der RICHTIGEN Hebamme zu erklären:
Eine Bekannte hatte eine Hebamme, die der Meinung war, das Kind läge zum Ende der Schwangerschaft noch nicht mit dem Kopf nach unten. Also brachte sie beim nächsten Besuch ein selbstgebasteltes weibliches Becken mit, was sich die Bekannte auf den Kopf setzen musste. Als wäre das noch nicht schlimm genug, sollte sie die Augen schließen und sich zum Anfang der Schwangerschaft zurück denken um dem Zellklops zu sagen, hey wenn es kurz vor deinem großen Auftritt ist, dreh dich doch nochmal. Glücklicherweise ging sie zum Arzt der bestätigte, dass das Kind genau richtig liegt und sie bloß nicht so´n Blödsinn machen soll. Damit sollte klar sein, dass man sich eine Hebamme nicht mal eben so im Vorbeigehen auswählt.

Gruselthema. Nicht, dass es in meinem Bezirk nicht eine riesige Auswahl gäbe. Das Problem liegt eher darin, dass die Meisten etwas esoterisch angehaucht sind. Von wegen innere Mitte finden und sich vorstellen man sei ein Baum. Da ratterts bei mir eher in Richtung „Was ess ich heute bloß, muss ich noch was einkaufen….“ Im Prenzlauer Berg findet dieses Spirituelle auch großen Anklang. Viele (nicht alle!) Muttis sind sehr ökologisch orientiert, sieht man an den vielen Bioläden, kaufen nur das Allerbeste und Teuerste für´s Kind, sieht man an DEM Kinderwagen den man hier haben muss um mitreden zu könnnen, nur cool selbstverständlich mit Latte Macchiato Halter; und an den Second Hand Kinderläden in denen Strampler immer noch 20€ kosten. Und diese Muttis gehen eben regelmäßig ihrer inneren Mitte nach. Ist ja nun alles gar nicht meins. Mir schmecken die 150 künstlichen Zusatzstoffe, die in einem Burger sind, Babysachen bekomm ich neu auch günstiger, wenn auch vielleicht nicht von glücklich gezüchteter Baumwolle, und im Becherhalter würde bei mir eine Cola stehen. Außerdem brauch ich meine Mitte nicht zu suchen, das war eindeutig mein immer größer werdender Bauch. Damit ist also klar, viele Hebammen und ich sind nicht kompatibel.

Aber ich bin ja mutig und wollte dem Ganzen eine Chance geben und über meine gut gehegten Vorurteile hinwegsehen. So schlenderte ich an einem Hebammenladen vorbei in dem grad ein Vorbereitungskurs stattfand. Plötzlich ertönten tiefe, lange Brunftgeräusche aus dem Raum. Immer wieder, immer lauter. Also das Klischee schlechthin: der Hechelkurs. Nee Danke, schnell weiter. Dann lieber etwas Recherche im Internet. Auf den meisten Seiten steht Gott sei Dank schon, in welche Richtung die Betreuung gehen kann. So stand bei einer Hebamme, dass es hilfreich ist, sich unter der Geburt vorzustellen, man sei eine Blume und öffne sich mit jeder Wehe wie eine zarte Blüte. Na da hätte ich mich mal sehen wollen. Thema Hebammensuche im Prenzlauer Berg beendet.

Meine Ärztin empfahl mir dann eine Hebamme. Skeptisch sah ich unserem ersten Treffen entgegen und überlegte mir Fragen, um zu erkennen ob sie die Richtige ist für mich: Frage eins: Muss ich mir vorstellen ich sei eine Blume?! Erschrockener aber leicht schmunzelnder Blick ihrerseits. Frage zwei: Ich habe einen Hund und eine Katze. Bekommst du beim ersten Besuch Schnappatmung und erklärst mir, dass die Tiere sofort über das Baby herfallen? (Automatisch wenn ein Baby in der Nähe ist, werden ja die meisten Tiere zu wilden Bestien.) Darauf antwortete sie: Sag mal, wohnst du im Prenzlauer Berg???? Und da wusste ich, sie ist die Richtige.

Der Vorbereitungskurs war dann auch wider Erwarten sehr lustig, gehechelt wurde gar nicht und die Anzahl der Paare wie oben beschrieben hielt sich auch in Grenzen. Gut so.

Blieb nur noch der Rückbildungskurs. Durchgeführt von eben jener Hebamme. Sie nahm mir meine Sorge und meinte es ist eher ein Sportkurs, eine Mischung aus Yoga und Pilates. Nichts Spirituelles dabei. Glück gehabt.  Kann ja eigentlich nicht schlimm sein, dachte ich. Ein bisschen Sport und Zeit ohne Baby, auch mal schön. Irrtum. Und dafür kann die Hebamme nichts, die war toll. Ich war fast die Einzige ohne Kind. Ich Rabenmutter. Zwar konnten die anderen, übrigens alle mit DEM Kinderwagen, keine einzige Übung machen, weil das Kind ständig plärrte, aber hauptsache man konnte es wieder präsentieren. Das nagte stark an meinen Nerven, da ich mir vorkam wie in einer Kita, man verstand weder die Anweisung der Hebamme „Und zurück in die Position des Kindes“ noch konnte man die zwei Stunden Zeit ohne Baby genießen. Als mich eine Mutter dann noch fragte ob ich es nicht schade fänd, dass der Kurs vorbei sei, antwortete ich, etwas unüberlegt: An sich schon. Tut ja gut der Sport und ohne Kind ist auch mal schön, aber dieses ganze Babygeschreie nervt etwas, da kann man sich nicht konzentrieren. Ich erhielt mehere abfällige Blicke, dann ging sie wortlos. Tja.

So ist auch diese lustige Zeit schon wieder vorbei. Die Hebamme kommt mich nicht mehr besuchen. Habe aber mittlerweile auch keine 1000 Fragen mehr an sie, die ich ihr in fünf Sekunden runterratter. Habe immer noch nicht meine innere Mitte gesucht und eine Blume bin ich auch noch nicht. Trotzdem läufts ganz gut bisher. Mit einem selbstgebastelten Becken auf meinem Kopf sehe das sicher anders aus. Danke also an meine Hebamme, dass mir das alles erspart blieb und aus Marlene doch ein ganz anständiges Baby geworden ist. Und das ohne Brunftgeräusche, Aufgehende-Sonne-Übungen, High Tech Kinderwagen und den anderen Schnick Schnack. Erstaunlich eigentlich.

Author

Seit 2011 bin ich in die Welt der Mütter aufgenommen. Mittlerweile habe ich 3 Töchter. Hier schreibt keine "typische" Mutter, die Haushalt und Familie mit links schmeißt, Modelmaße hat und nebenbei locker eine Karriere wuppt. Ich finde es okay, auch mal zu sagen "Ich bin müde! Der Mann nervt! Wir streiten öfter! Nein, ich backe, bastel und singe nicht 24 Stunden am Tag! Ja, ich mag Fast Food und ein Schnäpschen zwischendurch!" Aber auch die schönen Dinge kommen nicht zu kurz. Süße Sachen die ich im Netz finde, hilfreiche Tipps, anderes Lesenswerte und ganz viel ♥

8 Comments

    • Hallo Simone!
      Na da bist du ja gaaaaaanz an den Anfängen des Blogs. Ich hoffe, du wurdest gut unterhalten.
      Ganz liebe Grüße!

  1. Auweia, habe heute erst deinen Beitrag zur Hebamme gelesen. Becken aufm Kopf????? Oh Mann.
    Bei uns waren alle Hebammen ausgebucht, denn wenn man so verrückt erst 10 Wochen vor dem Geburtstermin ausm Ausland wieder einzufliegen muss man sich halt hinten anstellen. GUTE MÜTTER kümmern sich natürlich VIEL früher um son Kram! Und arbeiten nicht wie verrückt an irgendwas, sondern stellen das BABY in den Vordergrund. Naja.
    Mit Glück und einigen Anrufen hatten wir eine ziemlich relaxte coole Hebamme polnischer Herkunft, die die Nach-Geburts-Betreuung ruhig durchzog. Kein Becken, keine Sonne und ihr Rückbildungskurs bestand aus Übungen auf unserem Ehebett. Alles paletti und der Kleine Mann fands super.

  2. herrlich!
    ich hatte übrigens auch weder n becken aufm kopp noch war ich ne blume oder sonste was. ich war immer ich mit ner mitte, die immer da war, wo sie vorher gewesen war und auch heute noch ist. die geburt meiner tochter war der horror, ich dachte, ich müßte sterben. die hebamme war nicht schuld 😉

  3. Ob diese Hebamme das Becken auch privat aufsetzt?? Wie überleben solche Menschen den harten Alltag?? Mit Klangschale und viel Ooohhmmmmmmmmmmmm!!! Danke Marlene´s Mummy

  4. Sehr schön – das passt!Sie war echt eine große Unterstützung! Kuss, stef

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